Kevin Schön

Stadtleben von Kevin Schön, 18. Juni 2013

Zwei Schlagworte markieren den Beginn und das Ende der Dominanz des Automobils. Wurden mit dem Begriff des ‘Jaywalking’ die Straßen der Städte durch das Automobil erobert, erleben wir heute mit dem Begriff des ‘Kampfradlers’ einen Verteidigungsreflex.

Mit dem Einzug in den öffentlichen Raum sah sich der Kraftverkehr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst mit größter Missachtung konfrontiert. Massenweise fielen ihm FußgängerInnen – zur Hälfte Kinder – zum Opfer, welche die Straßen in bisher gewohnter Weise nutzten. Doch ein von der Automobillobby geschickt eingesetzter Begriff sollte das Schuldverhältnis zwischen Gefährdenden und Gefährdeten ins Gegenteil verkehren: das Jaywalking.

‘Jay’ bedeutete umangssprachlich so viel wie Tölpel und war eine abfällige Bezeichnung für vermeintlich ungeschickte Menschen vom Land. Die Automobillobby nahm den Begriff neu auf, bezog ihn auf das Verhalten von FußgängerInnen gegenüber Fahrzeugen und machte ihn so zu einem Schlagwort in der aufgebrochenen Diskussion um legitime Verhaltensweisen im Verkehr. Nicht mehr die- oder derjenige sei der schuldhafte Rüpel, der sein Kraftfahrzeug mit übermäßiger Geschwindigkeit durch dichte Stadtstraßen steuerte und dabei Menschen tötete, sondern rüpelhaft war von nun an, sich im Straßenraum ohne ‘Rücksicht’ auf Fahrzeuge zu bewegen.

Eindrucksvoll demonstriert die dabei gezielt verfolgte Schuldumkehr ein von der Packard Motor Car Company 1922 in Detroit aufgestelltes Mahnmal. Es imitierte Denkmäler, die von aufgebrachten StadtbewohnerInnen in diesem Zeitraum für im Straßenverkehr getötete Kinder errichtet wurden. Das Imitat trug aber die Aufschrift: „Erected to the Memory of Mr. J. Walker: He Stepped from the Curb Without Looking“.

Den Automobilen wurde schließlich im Verkehrsrecht Schritt für Schritt Vorrang eingeräumt und die Passanten von der Fahrbahn verwiesen. Ohne gesonderte Kennzeichnung galt und gilt auf Straßen bis heute Vorfahrt den Kraftfahrzeugen. Am Ende der Debatte stand schließlich ein Begriff – Jaywalking – der sich auf diejenigen FußgängerInnen bezog, welche Vorfahrtsregeln beim Betreten der Fahrbahn missachteten oder gesonderte Überwege nicht nutzten. Die Nichtbeachtung wurde gemissbilligt und gar zum Delikt. So besaßen Autofahrende plötzlich das ‘natürliche’ Vorrecht auf den Straßen, FußgängerInnen hatten vorsichtig und aufmerksam zu sein.

Fahrradtasche Toronto

Es sollte nicht lange dauern, bis das gleiche Schicksal den Radverkehr ereilte, der sodann zwangsweise auf Radwege oder gar auf gemischte Rad- und Gehwege verbannt wurde. Sogar Rufe nach Radfahrverboten wurden laut – schließlich sei der Platz am Straßenrand ja auch nur begrenzt. Die Prioritäten waren eindeutig bestimmt: Autos gehörte die Welt bzw. Stadt. Mit der zunehmenden Rückkehr der Radfahrenden in die Straßen der Städte soll jedoch ein neuer Begriff mit verblüffend ähnlicher Funktion zum Jaywalker geschöpft werden: der Kampfradler.

Ich habe zum Beispiel beobachtet, wie Radler unter den Augen von Polizisten rote Ampeln und jede Verkehrsregel missachten. Manchmal ist die Polizei schlicht und einfach überfordert, der Verrohung dieser Kampf-Radler endlich Einhalt zu gebieten.

– Peter Ramsauer

Auch hier wird der Begriff auf die einseitige Regelmissachtung durch nicht-automobile Verkehrsteilnehmende bezogen. Wie der Jaywalker, der auf die Straße läuft und damit den Autofahrenden ausbremst, ist nun der Kampfradler derjenige, der die Straße ebenfalls für die seinige erklärt. Was früher die Automobillobby pathologisierte (Jaywalker – diese dummen Träumer, die sich auch noch selbst vor die Autos stürzen, denen doch ‘naturgemäß’ die Straße gehört), übernimmt jetzt eine breite Masse der Bevölkerung – vorne an Verkehrsminister Peter Ramsauer.

Jaywalking und Kampfradler

Ein Anti-Jaywalking-Plakat aus den 1930er Jahren und die anonyme Plakataktion im Prenzlauer Berg vergangenen Jahres: Sowohl dem Kampfradler als auch dem Jaywalker wird eine aggressive bis explosive Stimmung ins Gesicht geschrieben.

Gerade im Fall des oftmals beklagten Rotlichtverstoßes wird es dabei spannend: Vermehrt werden Stimmen laut, die erklären, dass Ampeln in erster Linie der Regulierung von Kraftfahrzeugen dienen und dem Radverkehr selten gerecht werden. Zumindest in der üblichen Strenge sei eine Beachtung durch Radfahrende zu ihrer und anderer Sicherheit oftmals gar nicht notwendig. In Frankreich wurde bereits begonnen, einzelne rote Ampeln im Sinne eines “Vorfahrt achten”-Schildes für Radfahrende freizugeben. Es deutet sich also an, dass hier Verbote – und auch Rechte – neu verhandelt werden. Einseitige Vorwürfe an regelbrechende Radelnde haben in diesem Rahmen die Funktion, die bisherigen Regeln zu verteidigen. Der Begriff des Kampfradlers kann damit als Reflex auf den sich abzeichnenden Verlust des automobilen Vorrechts auf die Straße gedeutet werden. Anders als beim Jaywalker nicht zur Eroberung, sondern zur Verteidigung der Straße durch das Automobil. Solange man andere dafür verantwortlich machen kann, den flüssigen Autoverkehr in der Stadt zu gefährden, muss das Autofahren in der Stadt selbst nicht hinterfragt werden.

Zur Zeit beider Diskussionen gab und gibt es Gegenstimmen, die sich gegen die mit den Begriffen verbundenen einseitigen Vorwürfe wehrten und diese an das Automobil zurückspielten. Es gebe ja auch regelbrechende Autofahrende, heißt es heute und es gebe ja auch weit gefährlichere ‘Jay-Driver’, hieß es in den 1920ern. Damals unterlagen die Fußgänger. Und heute?

Fahrradtasche Toronto

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Kevin Schön ist Soziologe und beschäftigt sich mit Stadt, Mobilität und Digitalisierung. Er ist Mitgründer des Berliner Instituts für Mobilität und Gesellschaft, Herausgeber des Urbanist Magazin, liebt es Backwaren in Kaffee zu tunken und spielt gerne mit neuen Technologien.


Quellen
Zur Jaywalking-Lobbykampagne
ZEIT ONLINE / Holger Holzer (2013): Straßenverkehr: Ein PR-Coup half dem Auto beim Siegeszug.
Norton, Peter D. (2008): Fighting Traffic. Cambridge: The MIT Press. (Auszüge hier)
Zitat Ramsauer
Neue Osnabrücker Zeitung (2012): Verkehrsminister Ramsauer über Fahrrad-Rambos und den Aufstand gegen Aufbau-Ost
Zur Rotlichtregulierung in Frankreich
Wissenschaftsportal Französische Botschaft in Deutschland (2012): Radfahrer können jetzt bei rot über die Ampel.
Zum Ruf nach Radfahrverboten
ZEIT ONLINE (2009): Vor 40 Jahren: Das Risiko ist viel zu groß.

Bildnachweise
Anti-Jaywalking-Plakat
Works Progress Administration / wikipedia.org / Public Domain / Link

Anti-Kampfradler-Plakat
Plakaturheber unbekannt, fotografiert von Steffen Zahn / Kampf den Kampfradlern/  flickr / CC-BY 2.0