Redaktion

Veranstaltungen von Redaktion, 23. September 2013

Weltweit haben am vergangenen Freitag Menschen Parkplätze für ein paar Stunden in öffentliche Parks und bunte Stadtplätze verwandelt, so auch in Berlin. Trotz des teils miesen Wetters – regelmäßigen Regenschauern und wolkenverhangenem Himmel – wurden bei ausgezeichneter Stimmung etwa zwölf Parks durch Vereine, Initiativen und interessierten Einzelpersonen errichtet.

So wurde auf Lastenrädern fleißig exzellenter Cappuccino zubereitet und leckere Snacks serviert. Es gab knusprige „Parkplätzchen“, einen ausgefallenen Surfsimulator und eine Fahrrad-Werkstatt. Radfahrenden wurde der rote Teppich ausgerollt und diese mit kleinen Geschenken bedacht („Schön, dass es dich gibt.“). Es konnten neue und alte Lastenräder bestaunt werden. Ausprobiert werden konnte ein noch in Entwicklung befindliches Brettspiel über das Radfahren in Berlin. Es gab einen Büchertisch mit fahrradspezifischen Büchern, eine Ideensammlung über die Stadt der Zukunft und natürlich jede Menge schöner Stände und Sitzgelegenheiten zum Verweilen und viele interessante Gespräche.

Trotz wirklichem Schietwetter errichteten nahezu alle ihre Parks, die sich vorher angekündigt hatten. Das macht uns natürlich stolz und wir bedanken uns sehr für das Engagement und den Durchhaltewillen aller TeilnehmerInnen! Ihr wart großartig!

Auch die Presse war natürlich vor Ort, ReporterInnen der taz, der BZ, der Berliner Zeitung, dpa und weitere freie ReporterInnen/FotografInnen statteten uns ihren Besuch ab. Schon zuvor kam FluxFM auf uns zu und hat uns Raum gegeben, auch im Radio und im Netz über über den PARK(ing) Day zu sprechen.

– in Kürze erscheint hier wieder eine Galerie mit Fotos – 

 

Worum ging es uns?

In der Stadt sind Konflikte um den öffentlichen Raum allgegenwärtig. Wo man sich auf dem Land einfach räumlich aus dem Weg gehen (oder fahren) kann, ist dort schließlich genug Platz für alle da, muss in der Stadt der begrenzte Raum verhandelt werden. Dies stellt einen der großen Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben dar. In der Stadt können Konflikte nicht einfach räumlich umgangen werden: wir müssen uns den Raum teilen und darüber verhandeln. Doch nicht jeder öffentliche Raum wird verhandelt, es gibt auch Orte, denen eine Nutzung scheinbar zusteht: so etwa der öffentliche Parkraum. Selten wird thematisiert, dass parkende Autos in der Stadt Raum wie selbstverständlich nutzen. Raum, der auch anders genutzt werden könnte. Stadtraum ist knapp und umstritten, nicht jeder besitzt überhaupt ein Auto. Deswegen hat er häufig nicht das selbe Recht auf den Platz, der Autos vorbehalten wird. Warum eigentlich? Es gibt doch kein Naturrecht auf einen Parkplatz, wenn der Raum beschränkt ist. Straßen und öffentliche Parkplätze müssen nicht alleine für (parkende) Autos gedacht sein. Auch andere Nutzungsformen sind möglich. Dies will der PARK(ing) Day verdeutlichen, oder es war zumindest unser Anliegen.

Nun spielt der Parking Day mit dem Motto „Parkplätze zu Parks“ natürlich mit den Worten. Auch wenn es in der Presse häufig so dargestellt wurde, ist unser Ziel nicht, mehr Parks oder Spielplätze zu fordern. Auch wurden wir von wütenden Passanten darauf hingewiesen, wir könnten doch auf den Spielplatz an der nächsten Ecke gehen. Uns ist bewusst, dass es in Berlin verhältnismäßig viele Grünflächen gibt. Doch unser Anliegen war etwas anderes. Uns ging es darum, die einseitige Festlegung auf eine einzige Art der Nutzung (das Parken von Autos) zu hinterfragen. Solche Monokulturen widersprechen dem, was für uns Urbanität so spannend macht: verschiedene Nutzungsarten auf engem Raum vereint, die sich teils widersprechen, teils ergänzen. Aushandlungsprozesse. Begegnungen. Kreative Umnutzung und Teilen des begrenzten öffentlichen Raumes unserer Stadt. Parkplätze sind das Gegenteil: hochdeterminiert und spezialisiert lassen sie andere Nutzungen als lächerlich erscheinen. Ihr Design sorgt dafür, dass hier kaum andere Nutzungsarten in Erwägung gezogen werden. Hier gilt die normative Kraft des Faktischen: ich habe ein Auto, der Raum sieht aus wie ein Parkplatz, also gilt das universelle Recht auf Parken. Dies hat sich historisch entwickelt, ist aber deshalb lange nicht die einzige Möglichkeit.

Parkplätze sind in unserer toleranten Gesellschaft eine der letzten Orte, die so krass einseitig determiniert sind. Abweichendes Verhalten – sei es alleine durch das Parken von anderen Fahrzeugen wie Fahr- oder Lastenrädern – wird hier direkt sanktioniert. Dies bestätigen auch unsere Erfahrungen am PARK(ing) Day: Menschen reagieren gestresst darauf, wenn etwas anders ist als gewöhnlich. Das Gewöhnliche gilt als das einzig richtige, weshalb anderes Verhalten bestraft werden muss. So kamen etwa Ladenbesitzerinnen (oder -angestellte) auf die Idee, die Polizei zu rufen, da etwas nicht war wie sonst und sie sich durch uns „belästigt“ fühlten. (Lustigerweise war die Polizei bereits vor Ort und genehmigte uns unsere Aktion, da wir ja einen Parkschein gezogen hatten und uns somit an die Ordnung hielten.)

Der PARK(ing) Day zeigt sehr deutlich auf, wie schwer und wie ungewöhnlich es ist, Parkplätze anders zu nutzen. Er soll aber dazu anstoßen, für Parkplätze andere, durchaus auch temporäre, Verwendungsmöglichkeiten ins Bewusstsein zu rufen. Nur weil die öffentliche Straße immer zum Parken privater Autos genutzt wird, ist dies nicht die einzige aller Möglichkeiten.

Uns ist vollkommen bewusst, dass es nicht das Ziel sein kann, 365 Tage kleine Parks aus Parkplätzen zu machen. Auch wissen wir, dass eine Stadt nicht nur aus Erholungsorten bestehen sollte. Wir wollen vielmehr den öffentlichen Stadtraum wieder zum Aushandlungsort machen und die Normalität der Nutzung als Parkplatz in Frage stellen. Leider kam diese Botschaft wohl nicht bei den werten PressevertreterInnen an, die entweder nur von “Parkplätzen zu Spielplätzen” sprachen, oder aber Unverständnis darüber zeigten, dass die Aktion gerade in der Stargarder Straße stattfand, wo doch genug los sei. (Das wissen wir auch, doch die Aktivität beschränkt sich auf den Gehweg. Doch wir wollen die Straßennutzung wieder in Frage stellen!).

Der PARK(ing) Day kann viele Menschen dazu mobilisieren, sich zu ihrer Stadt zu verhalten und in Beziehung zu setzen und zum Nachdenken darüber anzuregen, wie mit dem begrenzten Raum Stadt umzugehen ist. Wir haben gespürt, wie erschreckend groß das Gefühl vieler AutofahrerInnen ist, ein “Menschenrecht auf einen Parkplatz” zu besitzen, und wie stark Abweichungen sanktioniert werden. Dies führt uns vor Augen, dass das Auto für viele StadtbewohnerInnen ein extrem vorherrschendes Recht besitzt und dass viele Menschen nie thematisieren, dass eine Stadt auch ganz anders aussehen könnte. Der PARK(ing) Day hat hoffentlich einige Menschen daran erinnert.

Dies zeigen auch die bis auf wenige Ausnahmen positiven Reaktionen der AnwohnerInnen. Viele Menschen fragten uns, was wir hier machten, einige schossen Fotos, viele Radfahrende freuten sich über die kleinen Geschenke. Wir hoffen, mit unserer Aktion einen kleinen Teil dazu beigetragen zu haben, den öffentlichen Raum in der Stadt wieder neu verhandelbar zu machen.

Coverfoto: Andrea Grützner / Alle Rechte vorbehalten.