Till Runge Ulrike Heringer Kevin Schön

Verkehr von Till Runge, Ulrike Heringer und Kevin Schön, 12. Januar 2014

„Jetzt ist klar, wer den Unfall am Donnerstagabend auf der Kreuzung Werler Straße/Fröndenberger Straße/Schmölen-Allee verschuldet hat: Es war der Fahrer des roten Ford Transit.“ (derwesten.de)

Jeden Tag können wir eine Menge solcher Artikel lesen. Ihnen allen gemein ist, dass es sich um Unfälle handelt – und dass sie thematisieren, wer der Schuldige daran ist.

Grund genug, sich diese Schuld einmal näher anzusehen. Schuld ist eine ethische Kategorie, die in unserer westlichen Tradition üblicherweise auf Individuen zugerechnet wird, weswegen Debatten um Kollektivschuld so schwer zu führen sind. Die Welt wird anhand dieser Kategorie geordnet und leichter verständlich; auch wenn manchmal schwer festzustellen ist, wer schuld ist, ist immer klar, dass es Schuldige geben muss.

Schuld ist eine wichtige Kategorie, um moralische Urteile zu fällen – das war schlechtes Verhalten –, rechtliche Sanktionen zu erlassen – das war strafbares Verhalten –, oder auch zwischenmenschliche Solidarität zu stiften – ich stehe in deiner Schuld. Dementsprechend haben wir große Übung im Umgang mit Schuld und wenden diese Kategorie nahezu instinktiv auf all das an, was uns schlecht vorkommt. Sogar bei Naturkatastrophen wird nach Schuldigen gesucht: früher war das ein erzürnter Gott, heute die Natur – oder aber die Wissenschaftler, die nicht rechtzeitig vor dieser gewarnt haben.

„Fahrer erschrocken – Fliege schuld an Unfall auf Autobahn“ (tz.de)

Insofern ist es also keine Überraschung, dass auch Politiker mit dieser Kategorie Politik machen (müssen). Diese sind dabei in einer besonders schwierigen Position, denn sie müssen nicht nur die Schuld zuweisen, sondern daraus auch noch Konsequenzen ziehen. Es gibt zu hohe Arbeitslosenquoten, wer trägt daran Schuld? Beliebte Beispiele hierfür sind die “faulen” Arbeitslosen, die Ausländer, die die Arbeit “wegnehmen”, aber auch unmoralische Manager, die “böse Entscheidungen” treffen. Je nachdem, wer Schuld ist, muss auch die Lösung des Problems anders angegangen werden: sei es durch Antreiben der Arbeitslosen, das Ausweisen der Ausländer oder der Anweisung an die Manager, sich endlich moralisch richtig zu benehmen.

Ein kluger Politiker liefert mit der Frage nach der Schuld immer auch die passende Antwort gleich mit. So hat er oder sie auf negative Situationen durch Schuldzuweisungen immer die passenden Lösungen parat. Behält man dies im Hinterkopf, so lösen sich viele vermeintlich stupiden Schuldzuweisungen in rationale Politikstrategien um. Beispielsweise erntete Boris Johnson, eigentlich ein großer Förderer des Radverkehrs in London, gegen Ende letzten Jahres viel Spott dafür, auf eine Häufung von tödlichen Unfällen von Radfahrern durch LKWs mit dem Verbot von Radfahren mit Kopfhörern reagiert zu haben, auch wenn keiner der Radfahrer solche trug. In Deutschland wäre nach einer Helmpflicht gerufen worden. Genauso dämlich. Aber wie hätte er denn sonst reagieren sollen? Gar nicht? Das kommt nicht gut an, denn offensichtlich fordert die Vielzahl der tödlichen Unfälle eine Lösung. Mit dem Verbot von LKWs in der Stadt? Das würde das von Baustellen geplagte London komplett lahmlegen. Also wurde die auch bei uns übliche Konsequenz gezogen, die Kontrollen von Radfahrern zu verstärken – also die Schuld bei den Radfahrern gesucht. Diese Art von Victim Blaming wurde vielfach und zu Recht kritisiert, weshalb wir es hier nicht wiederholen müssen. Wir nehmen nicht an, dass Johnson nach den Todesfällen die Radfahrer noch zusätzlich schikanieren wollte, vielmehr versuchte er auf die Frage nach Schuld zu antworten und daraus die Konsequenzen zu ziehen.

Fahrradtaschen von Zimmer

Anstelle die Kritik an der so gefundenen Antwort also zu wiederholen, stellt sich für uns vielmehr die Frage, warum auf den Tatbestand steigender Todesopfer im Straßenverkehr mit der Schuldfrage reagiert wird [Update: Hier haben wir uns missverständlich ausgedrückt. Mit Anstieg war hier nur die diskutierte Situation in den vergangenen Wochen in London gemeint. Die Zahl der Verkehrstoten insgesamt ist seit vielen Jahren deutlich rückläufig; zur Zeit sind es in Deutschland etwa 90% weniger als zur schlimmsten Zeit in den 70ern]. Nicht nur in London ist die Zahl derer, die im Straßenverkehr sterben, erschreckend hoch. Statistisch gesehen werden in Deutschland an jedem beliebigen Tag über 200 Menschen im Straßenverkehr schwer verletzt und mehr als 10 Personen sterben täglich. Im Jahr 2011 lag die Zahl von Verkehrsunfällen, bei denen Menschen zu Schaden kamen, bei knapp 306.000 (der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat im Vergleich dazu 275.000 Einwohner, die Stadt Münster 296.000). Statt hier wiederum nach einem Schuldigen zu suchen wollen wir hier den Blick etwas wenden: welche Fragen können uns helfen, mit diesen schrecklichen Ereignissen produktiver in einem theoretischen Sinne umzugehen, als es die Frage nach der Schuld kann?

Nimmt man beispielsweise die oben genannten statistischen Zahlen zur Kenntnis, so fällt es schwer, weiterhin von Einzelfällen zu sprechen und diese zu verdammen. Anstatt die Schuld jedesmal wieder neu zu verhandeln (Hatte der zu Tode gekommene Radfahrer ein Licht am Rad? Hatte der Autofahrer einen anstrengenden Tag? Hat das Kind nicht aufgepasst?), drängt sich uns die Frage auf, warum die Strukturen unseres Verkehrs so viele Tote und Verletzte produziert.

Was also tun? Wer die Frage auf struktureller Ebene ernst nimmt, der würde nicht nach Schuld oder Unschuld suchen. Er würde fragen, warum sich der Einzelne überhaupt so schnell und so häufig in Situationen bringen kann, in der am Ende Schuld auf ihm lastet. Wie gelänge eine Erhöhung der Fehlertoleranz, damit nicht jeder Fehler eines Individuums solch schwerwiegende Auswirkungen auf sich und andere hat?

Fahrradtasche Toronto