Ulrike Heringer Till Runge

Berlin von Ulrike Heringer und Till Runge, 4. Juni 2014

Wir treffen uns mit dem ehemaligen Busfahrer und heute Lastenradverleiher Hans von 3RadRent in einem kleinen Café in Kreuzberg. Hans hat Großes vor: Berlinweit möchte er seinen Lastenradverleih etablieren. Für schlappe 10€ pro Tag (plus Kaution gegen Diebstahl) kann man bei ihm eines der Räder mieten; wer ihn als Umzugshelfer und Lastenradsteuermann dabeihaben will, kann dies ebenfalls günstig tun. Die Räder besitzt er bereits und kann vom Verleih heute gerade so leben. Das war nicht immer so: Eigentlich begann alles als Hobby. Wobei Hans schon immer mit Verkehr zu tun hatte: Als Busfahrer erkundete er die Welt, als Fahrlehrer unterrichtete er künftige Autofahrer, auch als Verkehrspsychologe wollte er lange Zeit arbeiten. Dann kam er zum Lastenrad. Dem Urbanist Magazin erzählt er im Interview, wie es dazu kam und was ihm die Räder heute bedeuten.

Urbanist: Hallo Hans! Erzähl doch mal, wie du zum Thema Lastenrad gekommen bist.

Hans: Eigentlich hat alles in meiner Geschichte, in meiner beruflichen Laufbahn, mit Verkehr zu tun. Ganz früher bin ich Motoradrennen gefahren und dann habe ich eine Ausbildung zum Fahrlehrer gemacht. Dann habe ich Psychologie studiert und wollte Verkehrspsychologe werden. Außerdem war ich Berufskraftfahrer und bin 30 Jahre lang Reisebus gefahren. Es ging also immer irgendwie um Verkehr. Das Fahrrad war jedoch lange Zeit kein Teil davon. Als Busfahrer habe ich gemerkt, dass autofreundliche Städte aus Sicht eines Berufskraftfahreres die Hölle sind, völlig unerträglich! Ich bin am liebsten in fahrradfreundliche Städte gefahren – als Autofahrer wohlgemerkt! Zum Beispiel nach Amsterdam oder Kopenhagen, da fühlte ich mich als Autofahrer sicher, da ist einfach klar geregelt, wer was darf. Dadurch, dass in fahrradfreundlichen Städten Radfahreren und Fußgängern viel Platz eingeräumt wird, kommt es auch bei Autofahrern zu weniger Stress und Aggressionen. In autofreundlichen Städten wird hingegen einfach viel zu viel Auto gefahren, es wird so aggressiv gefahren, das ist einfach unerträglich für Fußgänger und für Fahrradfahrer, aber eben auch für Autofahrer! Dadurch, dass so viel gefahren wird, sind die Städte völlig überfüllt und man kommt mit dem Auto nicht voran. Das macht aggressiv, gerade wenn man ein PS-Monster fährt, das darauf aus ist, schnell voranzukommen und freie Fahrt zu haben. Die Aggressivität der Autofahrer ist also ein Produkt schwachsinniger Verkehrspolitik und Produktpolitik. Irgendwann hab ich mich dann geweigert, als Reisebusfahrer in Berlin zu fahren, weil Berlin für mich auch eine dieser autofreundlichen Städte ist. Es war einfach eine sehr aggressive Atmosphäre. Wenn man zum Beispiel mit einem Bus hinter einem Fahrradfahrer in der 30er Zone herfährt, weil es unmöglich ist, den zu überholen, dann wird man beschimpft, angehubt, geschnitten. Der Verkehr ist so angelegt, die Schnellen zu beschleunigen und die Langsamen auszubremsen.

Urbanist: Wie ging es bei dir dann weiter?

Hans: Die Aggressionen, denen man durch Raser in Städten ausgesetzt ist, hat solche Aggressionen in mir selbst erzeugt, einen solchen Hass auf Autofahrer, dass ich irgendwann damit aufhören wollte, Reisebus in autofreundlichen Städten zu fahren. Mir hat mal jemand gesagt, dass man die negativen Energien umwandeln muss in etwas Positives und so habe ich irgendwann angefangen, denen mit Lastenrädern auszuhelfen, die keine Autos haben. Ich habe angefangen zu sammeln, heute habe ich zwanzig dreirädrige Lastenräder und helfe Menschen, die aufs Auto verzichten. Es tut gut, diese Aggressionen, die sich als Autofahrer anstauen, umzuwandeln. Fahrradfahren ist genau das richtige, es tut der Psyche gut. Zwar ist man immer noch mitten drin im Verkehr, aber es ist jedem klar, dass man nicht so schnell fahren kann und das man einen gewissen Platz in Anspruch nimmt. Seit einem Jahr habe ich meinen Beruf als Kraftfahrer komplett aufgeben.

Urbanist: Was machst du denn konkret?

Hans: Ich habe eine Fahrradspedition. Man kann mich anrufen und sich etwas transportieren lassen oder sich ein Lastenrad ausleihen. Von meinen zwanzig Rädern ist die Hälfte modern, die andere Hälfte historisch, alle kaufe ich gebraucht. Die historischen verleihe ich nicht an Selbstfahrer, sondern die können für Marktstände und zur Dekoration verwendet werden.

Urbanist: Wer kommt denn so zu dir?

Hans: Viele Leute machen Umzüge mit den Lastenrädern, derzeit vor allem junge Leute. Oder sie transportieren Flohmarktsachen. Ganz oft kommen auch Kamerateams, die aus dem Lastenrad heraus etwas filmen wollen. Häufig kommen Leute aus pragmatischen Gründen und brauchen das Fahrrad zum Beispiel für Veranstaltungen oder Demos. Sie dürfen dann mit dem Rad dort parken, wo man mit dem Auto nicht parken darf, zum Beispiel auf Gehwegen oder in Parks. Es sind nicht nur Öko-Freaks.

Urbanist: Wie kamst du überhaupt auf Lastenräder?

Hans: Auf meinen Reisen durch Amsterdam oder Kopenhagen sind sie mir aufgefallen. Ich fand es immer so schön, diese Mengen an Lastenrädern zu sehen. Menschen verstecken sich darin nicht anonym in Blechkapseln, sondern transportieren lachend ihre Sachen oder Kinder durch die Stadt, und das macht lebenswerte Städte aus.

Urbanist: Wie schätzt du denn die Lage in Berlin ein?

Hans: Naja, mit den Rasern oder Dränglern habe ich zum Teil schlechte Erfahrungen gemacht. Teilweise hat sich die Polizei auch ganz eigenartig verhalten, also die steht hier völlig hinter den Autofahrern. Die hat mir auch schon einmal vorgeworfen, ich würde den Verkehr behindern und ich solle auf den Gehweg ausweichen. Dabei ist es selbst auf Radwegen viel zu eng und holprig, da wird es mit wertvollen Sachen schwierig. Und mit Fahrzeugen, die breiter sind als ein Meter, darf man sowieso nicht auf dem Radweg fahren, aber das wissen viele nicht. Für solche Fälle habe ich immer meinen Fahrlehrerausweis dabei! [lacht] Und die Bezirke sind auch sehr unterschiedlich befahrbar. Neukölln beispielsweise ist die reinste No-Go-Area für Radfahrer! Die ganzen Nebenstraßen sind durch die Kopfsteinpflaster unbefahrbar, die Radwege sind viel zu schmal und zu holprig. Auf die Hauptstraßen auszuweichen ist viel zu gefährlich. In Neukölln kann ich mit dem Lastenrad überhaupt keine Waren befördern, ohne dass sie beschädigt werden!

Urbanist: Aber glaubst du, Berlin wird irgendwann auch noch vom Lastenrad-Boom erreicht?

Hans: Ich weiß es nicht. Etwas frustriert bin ich schon von der Verkehrspolitik in Berlin. Andere Städte sind da schon viel fortschrittlicher. In München zum Beispiel gibt es schon viel mehr Fahrradstraßen als in Berlin.

Fahrradtasche Toronto

Urbanist: Hast du das Gefühl, es gibt einen Trend zum Lastenrad in der Bevölkerung?

Hans: Ja, aber die Politik hinkt da völlig hinterher.

Urbanist: Kann man ganze Umzüge mit Lastenrädern machen?

Hans: Ja, aber es ist nicht einfach und kommt auf die Menge an. Es ist dann jedenfalls ein richtiges Event und es macht viel Spaß, mit einem Konvoi aus zehn Lastenrädern seinen ganzen Hausrat durch die Stadt zu fahren. Nur wenn es regnet ist es blöd.

Urbanist: Was könnte noch getan werden, damit Fahrräder Autos mehr und mehr ersetzen?

Hans: Man bräuchte eine bessere Infrastruktur und die Erkenntnis in der Politik, dass jeder Zentimeter, den man dem Fahrrad zur Verfügung stellt, den Autos zu Gute kommt, indem mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen und diejenigen, die trotzdem unbedingt Auto fahren müssen, mehr Platz haben und dadurch weniger gestresst sind.

Urbanist: Welche Vorteile hat das Lastenrad gegenüber normalen Fahrrädern?

Hans: Das klingt jetzt zwar etwas deprimierend, aber man wird mit dreirädrigen Lastenrädern deutlich seltener umgefahren als mit normalen Fahrrädern. Angerempelt wird man mit dem Lastenrad nicht. Jeder weiß, dass er eine Delle in der Tür hätte und lässt es sein, mich anzurempeln. Man wird besser gesehen und Erziehungs- und Aggressionsmaßnahmen erlebst du mit einem Dreirad seltener. Ich weiche eben nicht aus, wenn mich jemand schneidet. [lacht]

Urbanist: Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du in Berlin ändern?

Hans: Wenn ich etwas verändern könnte, würde ich die Hälfte aller Straße zu Fahrradstraßen erklären. Denn der Plan, es den Autofahrern immer Recht zu machen, der macht es für alle unerträglich.

Wer ein Lastenrad bei Hans ausleihen möchte, der findet seine Webseite hier.
Seine Facebook-Seite heißt Bakfiets Lastenfahrrad.

Fahrradtasche

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