Till Runge

Stadtleben von Till Runge, 9. September 2014

Der Urbanist traf sich mit dem Künstler, 8rad²solar-Erbauer und Verkehrsaktivist Nico Jungel in dessen Atelier in Neukölln. Sie sprachen über Nicos mobilen Raum, das 8rad²solar. Das Gefährt lässt sich in etwa so beschreiben: eine Plattform aus Bambus, acht Räder, vorne zwei Sitze und Pedale. Und fertig ist eines der größten Fahrräder der Welt. Neuerdings hat Nico einen Elektromotor eingebaut, der über Solarenergie betrieben wird, und eine 8qm große Kabine auf die Plattform gespannt. Das Gefährt ist bis zu 20km/h schnell. Das Rad ist 2,40m hoch, 2m breit und 5,40m lang und kann Lasten bis zu einer halben Tonne transportieren.

Urbanist: Nico, wie kamst du denn auf die Idee, ein solches Fahrzeug zu bauen?

Nico: Ich habe lange Zeit in Wagen gelebt. Die Veränderung, die mir das Leben in Wagen ermöglicht hat, war ein ständiger Teil meines Lebens. Ich habe eigentlich nie irgendwo länger gelebt in den letzten Jahren. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass gewisse Routinen wichtig für mich sind. Und deshalb habe ich gedacht, warum nicht einen mobilen Raum konstruieren, also ein Projekt, das lange dauern wird, und ein Resultat, das mich nicht wieder innerhalb von Stunden quer durch Europa fahren lässt? Außerdem interessiert mich schon länger die Auseinandersetzung mit Städten. Ich habe den Konflikt um das Gängeviertel in Hamburg aktiv verfolgt. Dort wurde durch die eigentlich überkommene Protestform des Besetzens viel erreicht. Themen wie das Recht auf Stadt und Fragen wie: “Wem gehört die Stadt? Wer gestaltet sie? Wie kann die Stadt aussehen oder wie erträume ich sie mir?” haben mich sehr interessiert. Zu sehen, dass man mit Protest etwas erreichen kann, hat mich sehr motiviert, auch etwas Unerwartetes umzusetzen. Mein Projekt stellt eine Auseinandersetzung mit der Frage dar, was ich anders machen würde, wenn ich die Stadt gestalten könnte. Denn bisher ist sie von anderen gestaltet.

Urbanist: Du siehst dein Fahrrad also als verkehrspolitisches Statement?

Nico: Ja, genau. Erstmal ist es ja wichtig zu signalisieren, dass wir FahrradfahrerInnen hier sind und das Recht auf diesen Raum, auf diese Stadt haben. Auch Fahrräder sind Verkehrsteilnehmer. Das ist bei der Größe meines Fahrrades natürlich ganz klar. Es ist wie der Große, der vorausgeschickt wird, dabei aber auch ein utopischer Vorstoß. In Berlin sind ja noch nicht einmal gewöhnliche Lastenräder richtig angekommen. Ich finde, es muss von allen Seiten her Druck aufgebaut werden, nur dann kann man eine Veränderung erreichen, nur dann kann der öffentliche Diskurs und die Wahrnehmung von Fahrrädern verändert werden. Explizite Forderungen zu stellen und zu schauen, ob das funktioniert, das wäre spannend. Oder man versucht, etwas als City-Hack einfach selbst ausführen. Zum Beispiel die Forderung nach einem Grünabbiegerpfeil für Radfahrer.

Urbanist: Welche Rolle spielt dabei dein Gefährt?

Nico: Einmal macht es einen Imagionationsraum auf. Es zeigt, dass man Etwas ganz anders gestalten kann. Das Undefinierbare, das Dazwischen ist für mich sehr interessant; es lässt sich meist schwerer fassen und einen mehr wundern, ist also anregender. Und der Straßenraum ist genau so ein Ort des Dazwischens. Nur habe ich das Gefühl, dass dieser Raum in unserer Wahrnehmung ziemlich vernachlässigt wird. Leben auf der Straße, wie es zum Beispiel in Neukölln sehr häufig beobachtbar ist, das gibt es in vielen anderen Städten nicht. Die Menschen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens in ihren Wohnungen. Ich schaue nach Möglichkeiten, den Außenraum wieder viel stärker zu beleben und dabei nicht nur eine Flasche in der Hand zu halten. Das Rad eröffnet Möglichkeitsräume und Freiräume, und natürlich wäre es schön, wenn es davon mehr gäbe. Vor allem bevor ich die Kabine auf das Rad gebaut habe, hat das Fahrzeug einen Vorstellungsraum eröffnet, wenn es herumfuhr. Die Leute haben automatisch angefangen sich vorzustellen, was man damit alles machen könnte. Mit dem Bau der Kabine ist dieser Moment etwas verloren gegangen, denn nun habe ich das Fahrrad definiert. Der mobile Raum ist realisiert worden. Das Fahrrad sehe ich generell als eine Aufforderung: „Leute, springt auf diesen Zug auf, baut auch irgendwelche Sachen, erzeugt dadurch Druck!“ Denn irgendwann werden immer irgendwelche Normen und Gesetze festgelegt und dann ist damit gesetzt, was erlaubt ist und was nicht. Doch das kann sich ändern. Und das Fahrrad stellt die Frage, wie man eigentlich gestaltet. Es ist also eine Aufforderung an Designer und Architekten. Autos sind optisch ja eigentlich stinklangweilig.

Nico Jungel im 8rad²solar.

 

Urbanist: Ist das 8rad ein Fahrrad?

Nico: Ja, genau. In der StVZO [Anmerkung AMR: Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung] ist benannt, was ein Fahrrad braucht: Es muss mit Pedalkraft betrieben werden, es braucht vorne und hinten Licht, Reflektoren an den Seiten und an den Pedalen, eine Klingel und es muss leicht lenkbar sein. Dass die StVZO an dieser Stelle ziemlich ungenau ist, ermöglicht einen ungeahnten Freiraum. Natürlich gibt es noch andere Gesetze wie das über Verkehrsbehinderung. Wenn mich also jemand von der Straße haben wollte, dann würde er bestimmt irgendwelche Gesetze finden. Das ist natürlich immer die Gefahr, aber mich interessieren weniger die Gesetze, sondern mehr die Möglichkeiten.

Urbanist: Welche Vorteile hat es, dass dein Fahrzeug ein Fahrrad ist?

Nico: Das hat unendlich viele Vorteile: Ich kann mich zum Beispiel frei bewegen, es gibt ja viele Stellen, da dürfen Autos nicht hinfahren. Aus einer stadtpolitisch-aktivistischen Perspektive hat das etwa den Vorteil, dass Interventionen an Orten möglich sind, an die Autos nicht fahren dürfen. Ich kann das Rad überall abstellen, auch dort, wo ein Auto nicht parken dürfte. Strafzettel kriege ich nicht – schon aus einem praktischen Grund: ich hab gar kein Nummernschild [lacht]. Ein Fahrrad hat außerdem eine ganz andere Akzeptanz als ein Auto, Menschen reagieren positiv darauf und nehmen es nicht so sehr als Eindringling wahr, wie etwa ein Auto. Und ich muss keine Steuern auf das Fahrrad zahlen. Es hat also viel geringere Kosten, der Unterhalt ist viel günstiger. Man muss ja nicht tanken und keine Parkgebühren zahlen zum Beispiel. Der Verbrennungmotor ist ja auch ziemlich überholt. Ich habe früher viel an meinem Bus rumgeschraubt, es ist wirklich unglaublich, was so ein Verbrennungsmotor an Verschleißteilen enthält. Schon alleine daher muss es eine Entwicklung Richtung Elektromotor geben, der ist viel eleganter, absolut überlegen. Im Moment wird Elektromobilität allerdings vom Auto her gedacht. Die Dinger sind immer noch unglaublich schwer, so funktioniert das nicht! Es muss der Weg vom Fahrrad her sein, es muss vom Leichtbau über kleine Teile gehen. Es braucht gleichzeitig eine Veränderung in den Köpfen und in dem, was als ‘Gut’ empfunden wird – das positive Lebensgefühl kann und sollte darin bestehen, auch bei Regen aufs Rad zu steigen. Das ist in Dänemark schon gängig, die Berufspendler fahren da bei jedem Wetter zehn Kilometer in die Stadt rein und abends wieder zehn Kilometer nach Hause. Das ist nur eine Frage der Einstellung. Klar ist es schwer, Gewohnheiten aufzubrechen und gegen eine riesige Industrie anzukommen. Es wird uns aber nichts anderes übrig bleiben. Wachsende Städte müssen einfach besser mit ihrem Platz umgehen. In London wird das Auto gerade aus der Stadt herausgedrängt, es ist einfach zu wenig Platz vorhanden. Eine Stadt funktioniert einfach besser ohne Auto. Grundsätzlich sind Autos im Verhältnis dazu, was darin bewegt wird, viel zu groß. Meistens fährt damit nur ein Mensch rum, manchmal zwei und ein Kasten Bier, das nimmt einfach zu viel Platz weg.

Urbanist: Du kannst ja deutlich mehr transportieren. Was hast du denn schon alles mit deinem Rad gemacht?

Nico: Ich habe mal eine Granitplatte von einem Pizzaofen durch die Stadt gefahren, mehrere Lastenräder transportiert oder ein Klavier samt Pianisten über ein Festivalgelände gefahren. Außerdem habe ich mal an einem Theaterstück teilgenommen, hab das Rad auf Messen präsentiert und an Demonstrationen teilgenommen. Für den Park(ing) Day 2013 habe ich mit einer Architektin und einem Designer zusammen eine Skulptur auf das Rad montiert.

Urbanist: Wie reagieren die Menschen auf das Rad?

Nico: Nur zweimal wurde ich bisher angehubt.

Urbanist: Wie machst du das? Wir werden ständig angehubt!

Nico: Das Fahrrad hebt sich visuell sehr stark von seiner Umgebung ab. Es stellt eine Attraktion dar und das fasziniert die Leute. Genau damit arbeitet das Fahrrad, dadurch gewinnt es seine Akzeptanz, trotz seiner Größe. Das Fahrrad ist ja eigentlich unglaublich aggressiv, es nimmt auf der Straße mehr Raum ein als ein Auto, es verlangsamt den Verkehr unendlich und es blockiert die Straße. Und trotzdem freuen sich die Leute, wenn sie es sehen. Zwei Polizisten haben mich einmal aus Interesse angehalten und waren total verdutzt. »Was haben Sie da?« haben die mich gefragt. »Ein Fahrrad. Sie stehen vor einem der größten Fahrräder, das es weltweit gibt«, habe ich gesagt. Da haben sie mir erzählt, dass sie sich wünschen würden, dass mehr davon rumfahren würden und weniger von den immergleichen langweiligen Autos.

8rad_p

Urbanist: Was würdest du in Berlin besser machen, wenn du es könntest?

Nico: Die Probleme sind ja allen hinlänglich bekannt; neben den Wegen könnte aber auch stärker auf die Parksituation für Räder aufmerksam gemacht werden. Es muss einfach mehr Abstellmöglichkeiten geben. Das Aufbauhaus am Moritzplatz hat zum Beispiel keine Abstellplätze, wie kann das sein? Außerdem würde ich sofort ein besseres Stadtrad einführen, das wie in Hamburg 30 Minuten kostenlos ist und an viel mehr Stationen viel schneller geholt und abgestellt werden kann.

Fahrradtasche Montreal

Urbanist: Kannst du dir eigentlich vorstellen, aus deinem Prototypen mehr zu machen?

Nico: Nur, wenn ich irgendwoher viel Geld bekomme, denn da müssten einige tausend Euro investiert werden. Wahrscheinlich lässt sich die Performance dann nochmal verdoppeln und das Rad steht den großen Zustellfahrzeugen in der Stadt in nichts mehr nach. Die Prototypen kann ich dann gerne bauen. Aber ich will kein Lastenradhersteller werden, ich sehe meine Arbeit eher als experimentell und utopisch an. Es ist wichtig, wenn Leute ein bisschen außen stehen und reflektieren, hinterfragen, kritisieren. Gerade in einer durchökonomisierten Gesellschaft ist es wichtig, dass jemand neue Wege geht. Die Arbeit zwischen praktischer Anwendung und Eröffnung eines Imaginationsraumes, das ist es, was mich beschäftigt.

Anmerkungen
Nico ist bei den Cargobikefans aktiv. Die Cargobikefans treffen sich einmal im Monat, jeweils am 13. des Monats. Der Ort wird auf der Facebook-Seite der Cargobikefans bekannt gegeben. Die Gruppe freut sich immer über neue, engagierte Lastenradfahrer.
https://www.facebook.com/pages/Cargo-Bike-Fans-Berlin/191182021004757

Und wer sich für Nicos Arbeit interessiert, der findet mehr Infos auf seiner Homepage:
http://www.nicojungel.net/solar.html

Nico hat übrigens auch gerade einen experimentellen Comic veröffentlicht.

Fahrradtasche Toronto

Fotos: Nico Jungel / Alle Rechte vorbehalten.