Kevin Schön

Verkehr von Kevin Schön, 28. Oktober 2014

Immer wieder hört man Klagen über Radfahrer, die so verrückt seien, mit Kopfhörern Rad zu fahren. Kevin tut es und erklärt seine Gründe.

Ja, ich trage Kopfhörer, wenn ich Rad fahre. Hin und wieder werde ich dafür beschimpft. Meist von Autofahrenden. Warum sie mich beschimpfen? Manchmal wohl, weil sie glauben, ich hätte sie nicht hupen gehört, als sie von hinten angefahren kamen. Habe ich aber, zur Seite »springe« ich trotzdem nicht und bleibe selbstbewusst in der Mitte der Fahrbahn. Manchmal schimpfen sie einfach, weil sie glauben, mich erziehen zu müssen: Mit Kopfhören radzufahren sei doch verboten! Und verrückt sowieso! Dass sie dafür erst einmal ihre Fensterscheibe öffnen und das Radio leiser stellen müssen, entgeht ihnen dabei wohl.

Aber auch unter Radfahrenden ist das Tragen von Kopfhörern umstritten. Auf der einen Seite diejenigen, die unsereins für verrückt und verantwortungslos halten (ich bin auf den Shitstorm zu diesem Artikel gespannt!), auf der anderen Seite diejenigen, die es einfach tun. Aber ist es nicht verboten? Nein, mitnichten. Wie für alle Verkehrsteilnehmer gilt auch für Radfahrende: Musik darf nur so laut sein, dass die Wahrnehmung des übrigen Verkehrs noch möglich ist. Radfahren mit Kopfhörern ist erlaubt – solange es nicht zu laut ist.

Aber ich trage Kopfhörer ja nicht, weil es erlaubt ist, sondern weil ich einfach gerne Musik höre. Wie jeder Film gewinnt auch das Leben mit einem guten Soundtrack. Und bei längeren Fahrradfahrten ist etwas Abwechslung durch gute Musik auf den Ohren einfach großartig.

Fahrradtaschen von Zimmer

Und die Nachteile? Nimmt man nicht die Umgebung schlechter wahr? Doch, aber warum soll das ein Nachteil sein? Notarztwagen sind beispielsweise extra laut – schließlich sollen sie ja auch von Autofahrenden gehört werden. Und normale Autos höre ich auch immer noch gut. Sie stören mich nur weniger. Das tiefe Brummen der Autos ist weniger respekteinflößend und weniger nervig als ohne die dämmende Funktion von Musik auf den Ohren. So lasse ich mich von ihnen nicht verdrängen, fahre selbstbewusster und vorausschauender. Trage ich keine Kopfhörer, rauscht mir immer wieder Adrenalin durch den Körper, wenn ich von gerade beschleunigenden Kraftfahrzeugen überholt werde. Ich fühle mich permanent bedrängt, wenn ein tief rauschendes Fahrzeug hinter mir fährt. Das nervt und kann auch gefährlich werden. Und auch das Klingeln anderer Radfahrer kann ich mit Kopfhörern noch hören, im Gegensatz zu den meisten Autofahrenden – die hören mein Klingeln nämlich selten.

Autohersteller legen viel Wert darauf, im Inneren des Autos wenig nervigen Lärm zu verursachen. Dort sitzt schließlich ihr Kunde. Aber nach außen hin ist der Lärmpegel so lange egal, wie er die Grenzwerte der EU einhält. Und diese Grenzwerte? Nun, besonders ambitioniert ist man nicht, das Autofahren nach außen hin möglichst leise zu gestalten. Die Verhandlungen über die Grenzwerte wurden zwischenzeitlich unterbrochen, weil akuter Korruptionsverdacht bestand: Der Vorsitzende der Kommission, die diese Ausarbeiten sollte, verwendete eine Powerpoint-Präsentation, die direkt von Porsche stammte. Und wenn ein Auto besonders laut ist (stark motorisierte Sportwagen), dann gelten besondere Grenzwerte für dieses: es darf lauter sein als andere Autos. Um die Grenzwerte auch ausschöpfen zu können, baut Audi zudem Lautsprecher in seine Auspuffe ein.

Mit technischer Notwendigkeit hat all das also wenig zu tun. Warum soll ich mich von solchen überlauten, unnötigen Fahrzeuggeräuschen nerven lassen? Ich verzichte dankend. Mit Kopfhörern fahre ich spürbar stressfreier und entspannter. Das macht mein Leben besser – vielleicht sogar länger.

PS:
Vor einiger Zeit habe ich mich übrigens auf einen Test eingelassen. Ich habe mir sogenannte Bone-Conduction-Headphones* besorgt. Diese Kopfhörer erlauben es, Musik zu lauschen, ohne Umgebungsgeräusche zu dämpfen. Die Funktionsweise ähnelt der von Hörgeräten. Statt in der Ohrmuschel sitzen diese Kopfhörer auf dem Knochen hinter dem Ohr, über den die Vibrationen in den Hörkanal übertragen werden. Die gleiche Technik kommt übrigens bei Google Glass zum Einsatz. Vorteil ist, dass man die »Ohren frei« hat: man hört die Umgebungsräusche genauso deutlich wie ohne Kopfhörer. Die Musik überdeckt sie nicht, sondern ergänzt sie. Ein interessantes Hörerlebnis. Aber wie oben beschrieben: ich schätze die leicht überdeckende Wirkung, weshalb ich zu konventionellen Kopfhörern zurückgekehrt bin.

Fahrradtasche

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Kevin Schön ist Soziologe und beschäftigt sich mit Stadt, Mobilität und Digitalisierung. Er ist Mitgründer des Berliner Instituts für Mobilität und Gesellschaft, Herausgeber des Urbanist Magazin, liebt es Backwaren in Kaffee zu tunken und spielt gerne mit neuen Technologien.


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Coverfoto:  Sascha Kohlmann / Woman with Headphones / flickr / CC-BY-SA 2.0