Kevin Schön

Gebautes von Kevin Schön, 18. November 2014

Meterlang durchziehen sie die Verkehrsinseln an Hauptverkehrsachsen, postieren sich an Gehwegen und bewachen Straßenecken. Still aber standhaft schützen sie das streng geordnete Treiben auf der Fahrbahn vor dem Chaos: Straßenzäune, gerade so hoch, dass ein durchschnittlich ausgewachsener Mensch zu ihrer Überwindung des Kletterns mächtig sein muss. Aber genau das soll er an dieser Stelle tunlichst unterlassen. Denn wild herumlaufende Fußgänger davon abzuhalten, genau hier auf die Fahrbahn zu laufen, ist die Aufgabe der eisernen Wächter. Die Zäune sind Verbote in gebauter Form.

Dort, wo sie am Fahrbahnrand wachen, gleiten Automobile ungestört durch die Straßen. Im geschützten Straßenraum können sich die Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit bewegen. Die Möglichkeit der Fußgänger aber, die Straße zu queren, wird massiv beschnitten – es sei denn, sie klettern. Straßenzäune gehören zur Vielzahl von Regeln, Beschränkungen und Verboten, die den Straßenraum zu einem hochgradig normierten und monofunktionalen Ort machen. Alle anderen Verhaltensweisen außer dem Autofahren werden auf ein Minimum reduziert.

Wahrscheinlich haben wir uns in der Stadt schon so sehr an genau diesen Zustand gewöhnt, dass er uns gar nicht mehr auffällt. Um zu verstehen, was im Straßenverkehr vor sich geht und warum, ziehen wir einen Vergleich mit dem Flugverkehr. Weil dort jeder noch so kleine Fehler gravierende Folgen haben kann, ist jeder Handgriff streng reguliert, jede Schraube dokumentiert und jeder Quadratmeter des Luftraums permanent überwacht. Aber auch für Passagiere gilt: Flughafenpersonal und Flugbegleitern ist Folge zu leisten, Diskussion ausgeschlossen. Ein leuchtendes Anschnallsignal verbietet das Aufstehen. Die Bewegungsfreiheit ist reduziert auf ein Minimum. Das Risiko selbst abzuschätzen, bleibt untersagt. Es fällt jedoch leicht, all diese Einschränkungen als notwendigen Preis für die Vorteile des Fliegens hinzunehmen. Die Möglichkeit innerhalb von Stunden jeden Ort auf der Erde erreichen zu können, das ist schon eine großartige Sache.

Die Regulierung des Straßenraums folgt einer vergleichbaren Logik: Kleine Probleme können zu großen Unfällen führen, Abweichungen gilt es zu unterbinden. Autos, vor allem in großen Mengen, erfordern Sicherheitsabstände und haben lange Bremswege. Die meisten zeitgenössischen PKW wiegen zwischen 1 und 1,5 Tonnen. Wenn diese Masse beschleunigt wird, sollte ihr tunlichst nichts im Wege stehen. Kollisionen sind fatal. Unfallfolgen mit Automobilbeteiligung sind hoch. Unvorhergesehenes kann gefährlich enden und wird so gut es geht unterbunden.

Im Flugverkehr bekommen wir von den mit ihm verbundenen Einschränkungen in der Regel nur etwas mit, wenn wir selbst in ein Flugzeug steigen. Im Gegensatz dazu muss man nicht einmal selbst in ein Auto steigen, um die Reglementierungen durch das Automobil zu spüren zu bekommen. Straßenräume nehmen einen unglaublich großen Teil von Städten ein. Sie liegen nicht wie Flughäfen irgendwo am Rand der Städte, sondern in mitten dieser und überall. Große Teile des öffentlichen Raums sind somit permanent einer sicherheitsbedingten strikten Ordnung unterzogen. Um Unfälle zu vermeiden und ein zügiges Vorankommen der Automobile zu ermöglichen, werden Straßen für Fußgänger unzugänglich gemacht. Straßen sind damit reine Transiträume, in denen alle anderen Betätigungen unterbunden werden.

Wer sich also wundert, warum ein bestimmtes Viertel so unwirtlich erscheint, der sollte einmal darauf achten, wie viele (Straßen-)Zäune dort zu finden sind.

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Kevin Schön ist Soziologe und beschäftigt sich mit Stadt, Mobilität und Digitalisierung. Er ist Mitgründer des Berliner Instituts für Mobilität und Gesellschaft, Herausgeber des Urbanist Magazin, liebt es Backwaren in Kaffee zu tunken und spielt gerne mit neuen Technologien.