Till Runge

Stadtleben von Till Runge, 16. März 2015

Radverkehr wird auch heute häufig noch nicht in seiner vollen Bedeutung ernst genommen. Anders als in New York, Paris, London, Rom gibt es in der deutschen Hauptstadt noch keinen Bürgermeister, der dem Thema Radfahren in der Stadt die notwendige Aufmerksamkeit widmet. Nur in wenigen deutschen Städten sieht es besser aus.

Dabei spielt ein altes Vorurteil eine Rolle. Nämlich die Vorstellung, dass die »arbeitende Bevölkerung« nur mit dem Auto unterwegs sein kann. Margaret Thatcher soll dies in ihrer bekannt »sympathischen« Art auf den Punkt gebracht haben: »A man who, beyond the age of 26, finds himself on a bus can count himself as a failure.« Wer Bus und Bahn – oder gar das Fahrrad – nimmt, der mache dies nur, weil er arm, alt oder arbeitslos sei.

Ähnlich kann man auch Berlins Bürgermeister Müller verstehen, wenn er den Ausbau von Autobahnen mit dem Argument verteidigt, man könne nicht alles mit der »Bimmelbahn« herumfahren. Bimmelbahnen, das sind diese langsamen Tucker-Züge für Sonntagsausflüge im Park und damit keine ernstzunehmenden, »leistungsstarken« Verkehrsmittel. Wer wichtigen Beschäftigungen nachgeht, der, so der Umkehrschluss, brauche ein Auto.

Fahrradtasche Toronto

Radfahren, so hört man oft, das tun doch nur die armen Studenten. Auch hier herrscht die Vorstellung vor, dass »richtig arbeitende« Teile der Bevölkerung das Rad selten benutzen. Wer Rad fährt, der hat doch zu viel Zeit und zu wenig Geld. Dieses Vorurteil wird seitens einiger Umweltaktivisten sogar noch befördert, indem man den Radverkehr mit Entschleunigung gleichsetzt.

Ein typischer Fehler im Kampf gegen Vorurteile, ist der Versuch, diese mit Statistiken zu widerlegen. Das funktioniert nicht. Denn Menschen lassen sich von Zahlen nur schwer beeindrucken. Zwanzig Prozent aller Wege, die in Kreuzberg mit dem Rad zurückgelegt werden, können kaum alleine von den Studenten (ca. 5% der Berliner Bevölkerung) zu schaffen sein.

Was im Gedächtnis bleibt, sind Geschichten und Persönlichkeiten. Leider fallen einem spontan selten gute Beispiele ein. Nachfolgend daher drei Berliner Persönlichkeiten, die auch Thatcher sicher nicht als »Failure« verstanden hätte, und die auf dem Rad unterwegs sind.

Tim Renner

Der ehemalige Geschäftsführer der Universal Music Deutschland und heutige Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in Berlin beschwert sich über mangelnde Radabstellmöglichkeiten vor dem Kanzelamt. Anstatt mit der Limousine fährt er mit dem Fahrrad zur Senatskanzlei.

Marcel Fratzscher

Der »Wirtschaftsweise«, Präsident des einflussreichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen der Humboldt-Universität zu Berlin, fährt täglich mit dem Fahrrad ins Büro. Vielleicht hat sein medienwirksamer Ruf nach mehr Investitionen in Deutschland auch mit dem Zustand der Berliner Radwege zu tun?

Katrin Suder

Die ehemalige McKinsey-Managerin ist heute Staatssekretärin im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen. Dort ist sie zuständig für die Rüstungsbeschaffung. Sie kauft Panzer und ist häufig mit dem Lastenrad in Kreuzberg unterwegs.

Fahrradtasche

About the Author
Till Runge

Till Runge

Twitter

Till Runge ist Herausgeber des Urbanist Magazins. Der Soziologe forscht zu Städten am von ihm mitgegründeten Berliner Institut für Mobilität und Gesellschaft.


Foto: Steven Vance / Man in Divvy suit / Flickr / CC BY 2.0