Till Runge Ulrike Heringer

Stadtleben von Till Runge und Ulrike Heringer, 25. März 2015

Calle Overweg ist Dokumentarfilmemacher. Bei der Recherche zu einem Film über Radfahren ist er auf Cykling uden Alder (»Radeln ohne Alter«) gestoßen. Die Idee kommt wie so viele tolle Fahrradprojekte aus Kopenhagen und ist dort innerhalb von drei Jahren auf riesige Resonanz gestoßen. Mittlerweile gibt es das Konzept in vielen Städten auf der ganzen Welt. Calle will das Konzept nach Berlin bringen. Wir sprachen mit ihm über das Projekt und seine Ziele für Berlin.

Ulrike Heringer: Was ist das denn eigentlich, Radeln ohne Alter?

Calle Overweg: Die Idee ist, dass man Bewohnern von Altenheimen gratis Ausfahrten in Fahrradrikschas anbietet, die von Freiwilligen unternommen werden. Mobile fahren Immobile mit Rikschas, in denen die Alten vorne sitzen können, sodass man sich unterhalten kann und sie freie Sicht haben. Es entsteht dadurch ein sozialer Raum, den es sonst so nicht gibt. Denn es geht um eine Begegnung bei diesen Fahrten, nicht etwa um den Transport oder eine Taxidienstleistung. Oft entstehen dabei Freundschaften zwischen Fahrern und Alten. In Kopenhagen engagieren sich von Schülern bis zu rüstigen Rentnern alle möglichen Leute bei »Radeln ohne Alter«. Natürlich können die Fahrer Verwandte der Altenheimbewohner sein, aber das Konzept ist für jeden offen.

Ulrike Heringer: Das kennt ja jeder, den Besuch im Altenheim…

Calle Overweg Radeln ohne AlterCalle Overweg: … bei dem man auf einem Stuhl sitzen muss und wartet, bis einem der Hintern einschläft [lacht]. In meiner Vorstellung ist der Besuch bei der Tante wesentlich lustiger, wenn ich sie dabei fahren darf. Nicht nur für mich, sondern auch für die Tante, weil sie das Gefühl hat, aktiv zu sein. Auch wenn sie in der Rikscha sitzt und gefahren wird, hat sie doch den Fahrtwind, die Gerüche, die Eindrücke und die ganzen Reize, die sie sonst kaum noch erleben kann. Der Bewegungsradius geht ja im Alter stark zurück und wenn alte Leute mit dem Auto durch die Gegend gekarrt werden, dann erleben sie nicht wirklich dieses Gefühl, dass sie raus kommen. Mit dem Fahrrad bekommt man ganz andere Touren hin als mit dem Rollstuhl, mit dem man immer nur in die selben drei Parks kommt. Eine Bekannte ist mit ihrem dementen Vater häufig Fahrrad gefahren. Der war völlig begeistert. Und in der Öffentlichkeit bleiben viele stehen und sagen: »Boah, so gut will ich es auch mal haben!«

Till Runge: Hast du das Ganze schon in Berlin ausprobiert?

Calle Overweg: Ja, ich habe das mit meiner Tante bei eisiger Kälte ausprobiert und es hat uns Spaß gemacht. Obwohl es wirklich sehr kalt war haben wir beschlossen, es jetzt im Frühling zu wiederholen. Leider gibt es in Berlin nur ein einziges Fahrrad, das man dafür verwenden kann. Das habe ich mir dann ausgeliehen.

Ulrike Heringer: Was sind deine nächsten Schritte?

Calle Overweg: Die Idee ist es, einen gemeinnützigen Verein zu gründen und dafür suche ich noch Mitstreiter. Natürlich brauche ich Leute, die von der Idee genauso begeistert sind wie ich. Für die Vereinsgründung brauche ich noch jemanden, der Lust hat, sich mit rechtlichen Fragen auseinanderzusetzen. Aber auch Menschen, die Lust haben, Fahrten zu unternehmen, können sich bei mir melden. Ich freue mich über jeden, der mitmachen will. Und dann brauche ich natürlich auch ein Fahrrad, um loszulegen.

Till Runge: Was ist das besondere an dem Fahrrad?

Calle Overweg: Das besondere an diesen Rikschas ist, dass die vorne eine Metallschiene haben, in die man reintreten kann. Die normalen Lastenräder sind ja für Eltern, die ihre Kinder in die Kiste setzen können. Das kannst du bei Alten nicht machen. Wichtig ist auch, dass der Alte vorne sitzt. Man soll sich ja unterhalten können während der Fahrt. Es darf also nicht eines dieser Touristen-Rikschas sein, in denen sich der Fahrer nach hinten beugen oder anhalten muss, um zu reden. Das geht gar nicht, weil man die Alten ja im Blick haben will und die Kommunikation ja ohne viel Lautstärke möglich sein soll.

Fahrradtasche Toronto

Ulrike Heringer: Wie viel kostet denn so ein Rad?

Calle Overweg: So etwa 6000€. Die Räder müssen in den Altenheimen stehen, denn nur so kann ein reibungsloser Ablauf gewährleistet werden. Dabei ist mir allerdings wichtig, dass Radeln ohne Alter nicht zur Dienstleistung wird, denn sonst geht der Charakter verloren. Ich möchte verhindern, dass von den Altenheimen aus eine Anspruchsmentalität gegenüber dem Radeln ohne Alter Verein entsteht. Es muss ein Raum sein, den sowohl der Freiwillige als auch der Alte ohne finanzielle Interessen betritt. Nur so kann das funktionieren, als ein Geschenk. Allerdings brauche ich dann von anderer Seite Geld für die Räder.

Till Runge: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg.

Fahrradtasche

Wer Calle bei »Radeln ohne Alter« in Berlin unterstützen will, der wende sich bitte an:

Calle Overweg
Naumannstr. 34
1 0 8 2 9 Berlin
+49 30 7889 0393 fest
+49 175 529 1392 mobil
rerhafdar@icloud.com

Radeln ohne Alter Berlin, Broschüre (PDF)

Ole Kassow, der Gründer von Cykling uden Alder im TEDx-Talk
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