Till Runge

Berlin von Till Runge, 23. September 2015

Neukölln ist vor allem auf den Hauptverkehrsachsen ein hartes Pflaster für Radfahrer. Um das zu ändern, hat sich das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln gegründet. Wir sprachen mit Saskia Ellenbeck, einer der Initiatorinnen.

Urbanist Magazin: Hallo Saskia. Du hast vor etwa zwei Jahren eine Petition für mehr Radstreifen auf den Hauptachsen in Neukölln gestartet. Wie kam es dazu?

Saskia Ellenbeck

Saskia Ellenbeck wohnt im Richardkiez in Neukölln. Sie ist Mutter eines einjährigen Kindes und promoviert am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu den wissenssoziologischen Grundlagen der Energiewende. In ihrer Freizeit lässt Saskia am liebsten ihre Seele baumeln – bevorzugt auf dem Tempelhofer Feld.

Saskia Ellenbeck: Ich bin vor 5 Jahren nach Neukölln gezogen. Ich erledige fast alles mit dem Fahrrad. In Neukölln ist es sehr schwer, die großen Hauptverkehrsstraßen – Sonnenallee, Karl-Marx-Straße und Hermannstraße – entlangzufahren, sei es um dort einkaufen oder zum Arzt zu gehen, sei es um den Bezirk zu durchqueren. Das kommt mir jedesmal lebensgefährlich vor, weshalb ich einen Brief an den Bezirksstadtrat Blesing geschrieben habe. Der hat mir geantwortet, dass es auf den Hauptstraßen keinen Platz für Fahrradstreifen gäbe. Da die Straßen sehr breit sind, habe ich mir gedacht, dass das ja wohl nicht sein kann. Also habe ich den Druck erhöht und eine Petition gestartet, bei der ich an die 500 Unterschriften gesammelt habe und an den Bezirksstadtrat und die Senatsverwaltung übergeben habe. Von beiden habe ich mittlerweile Antworten bekommen, auch wenn es bei letzterer länger gedauert hat. Die Antworten waren frustrierend, man sagte wiederum, es sei kein Platz auf den Straßen. Darüberhinaus wurde sich gegenseitig die Verantwortung zugeschoben. Jeder behauptete, man müsse sich an den anderen wenden.

Urbanist Magazin: Das ist jetzt schon eine Weile her. Was ist seitdem passiert?

Saskia Ellenbeck: Es haben mich mehrere Leute angeschrieben, als sie die Antworten gelesen haben. Der Tenor war: Das kann man so nicht stehen lassen; da muss etwas geschehen. Daher haben wir uns als kleine Gruppe entschlossen, ein Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln zu gründen. Unser Ziel ist es, der Politik zu zeigen, dass das Thema Fahrrad kein marginales Thema ist, sondern sehr viele Leute betrifft, auch den Einzelhandel, Religionsgemeinschaften, Schulen und so weiter. All diese Einrichtungen wollen auch per Fahrrad erreichbar sein, viele Mitarbeiter der Unternehmen fahren auch mit dem Rad zur Arbeit. Wir haben den Eindruck, dass das noch nicht in der Politik angekommen ist. Das wollen wir, auch mit Blick auf die Wahl in Berlin im nächsten Jahr, ändern. Dabei ist es uns wichtig, das Netzwerk möglichst breit aufzustellen und viele Akteure mit ins Boot zu holen. Wir wollen jetzt gar nicht von Anfang an sagen »Das ist der Königsweg« – sondern es gibt viele Antworten auf die Probleme der Fahrradfahrer in Neukölln. Zusammen sollen dann konkrete Forderungen entwickelt werden. Daher nennen wir es Netzwerk.

Urbanist Magazin: Vor ein paar Tagen gab es erfreuliche Nachrichten für Radfahrer: In Neukölln sollen die ersten Fahrradstraßen entstehen. Was sagst du dazu?

Saskia Ellenbeck: Das freut mich natürlich erst einmal. Wenn man auf die Karte schaut, sieht man allerdings, dass es nur ein paar hundert Meter sind. Auch das ist wichtig und hilft sicherlich den Leuten, die dort häufiger unterwegs sind. Aber natürlich ist dort immer die Frage, ob es durchgesetzt wird. Ein Schild alleine hilft nicht immer. Ähnlich sieht es beim Umbau der Braunschweiger Straße aus. Dort werden mit Geldern aus dem Fahrradetat des Senats die Kopfsteinpflaster entfernt und die Straße asphaltiert. Wenn die Straße als Entlastungsstraße für den Durchgangsverkehr mit dem Auto verwendet wird, bringt der Umbau den Radfahrern gar nichts. Eine gute Absicht alleine hilft wenig; es muss auch etwas getan werden.

Urbanist Magazin: Da hast du natürlich Recht. Wenn man das auch so sieht, wie kann man bei euch mitmachen?

Saskia Ellenbeck: Wer mitmachen will, schaut am besten auf unsere gerade neu entstandene Webseite fahrradfreundliches-neukoelln.de, dort stehen E-Mail-Adresse und Telefonnummer, unter der man uns erreichen kann. Zur Zeit werden wir fast täglich mehr; da ist etwas am entstehen.

Urbanist Magazin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem Netzwerk.

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Till Runge ist Herausgeber des Urbanist Magazins. Der Soziologe forscht zu Städten am von ihm mitgegründeten Berliner Institut für Mobilität und Gesellschaft.

Coverfoto: onnola / flickr / CC-BY-SA 2.0