Ulrike Heringer Till Runge

Gebautes von Ulrike Heringer und Till Runge, 12. September 2016

Die zwei Architekten Simon Becker und Andreas Rauch wollen mit ihrer Firma Cabin Spacey Minimalhäuser auf Dächern bauen. Wir trafen die beiden zum Gespräch auf einem Dach in Neukölln.

Urbanist Magazin: Hallo Andreas und Simon! Erzählt doch mal, was ist Cabin Spacey?

Andreas: Cabin Spacey kommt da ins Spiel, wo konventioneller Wohnungsbau nicht mehr ansetzen kann. Wir haben ein 25 m² großes Minimalhaus aus Holz entworfen, das in modularer Bauweise hergestellt wird. Unser Ziel ist es, diese “Cabins” auf Dächern in der Stadt zu installieren. Gebaut wird mit Vollholzwandelementen und das Haus besteht aus einem Raum mit multifunktionalen Möbeln. Diese können je nach Bedarf herausgeschoben, herausgeklappt oder verdreht werden und damit wird die Raumfunktion verändert. Der Raum selber ist ein Wohnraum, beinhaltet Schlafen, Badezimmer, Küche und – wir nennen es Entertaining – prinzipiell ein Wohnzimmer. Die Cabins sind für zwei Personen ausgelegt, es können aber bis zu vier Personen darin schlafen.

Urbanist Magazin: Wie kommt man auf die Idee, solche Cabins zu entwerfen?

Simon: Wohnraum hat sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert, es gibt immer noch Drei-Zimmer-Wohnungen, Küche, Bad, alles ist gleich. Was wir zeigen wollen, ist, dass es Alternativen gibt im Wohnungsbau und Wohnen überhaupt und diese Alternativen wollen wir verwirklichen. Wir setzen da an, wo die Flächen zu klein, die Nischen zu eng, die Grundstücke zu schwierig sind oder bei Grundstücken, die nicht als solche gesehen werden von der konventionellen Bauindustrie. So ein Dach, das hat ja keinen Wert, und sobald wir da Wohnraum draufstellen, generieren wir da unglaublich viel Wert. Wir werden aber nicht das Wohnraumproblem der Städte lösen, schon gar nicht ganz am Anfang, das ist klar.

Andreas: Dann gibt es einen Trend weg vom Besitz, hin zum Zugang. Das heißt, wir wollen Cabin Spacey nicht nur als Verkaufsprodukt anbieten, sondern tatsächlich auch als Mietprojekt, wie so ein Carsharing für Wohnungsraum. Es gibt eine unglaublich hohe Nachfrage nach Kurzzeitwohnraum in anderen Städten, also auch nach der Flexibilität zu Reisen, in anderen Städten zu arbeiten. Und daher haben wir die Idee eines Betreibermodells: Wir stellen Wohnraum zur Verfügung und man kann für eine Monatsgebühr dort wohnen, wo eine Cabin frei ist. Es geht uns um einfachen Zugang zu solchen Wohnräumen.

Andreas und Simon von Cabin Spacey

Andreas und Simon

Urbanist Magazin: Ihr habt ja ganz schön was vor…?

Simon: Natürlich ist es ein strammes Vorhaben, in Deutschland zu sagen: ‘So, wir generieren Flächen, die eigentlich keine sind.’ Denn es gibt für alles Regularien und wenn man eine Baufläche erkennen will, wo eigentlich keine ist, dann bedeutet das natürlich einen immensen Aufwand, die dann bereitzustellen und wirklich zu prüfen, ob das geht. Wenn es denkbar und statisch möglich ist, dann muss es letztlich auch in die Tat umsetzbar sein, denken wir. Das ist eine große Herausforderung. Wir haben uns die Messlatte absichtlich sehr hoch gelegt. Es gibt viele andere Szenarien, die man mit dem Produkt erschließen könnte, aber die Königsdisziplin ist in der Stadt eine gewisse Form der Nachverdichtung anzubieten. Wenn wir eine kritische Masse erreicht haben, etwa 30 Stück in Berlin, dann kann man das als Betreibermodell loslaufen lassen. Im Moment steht aber an, uns zu finanzieren, Cabins zu verkaufen, den ersten zu bauen und das Interesse abzufragen.

Aber was wir zeigen wollen, ist, dass es Alternativen gibt im Wohnungsbau und Wohnen überhaupt und diese Alternativen wollen wir aufmalen.

Urbanist Magazin: Ihr wollt das Haus jetzt in Serie produzieren?

Simon: Genau, wir wollen es als Serienprodukt produzieren. Es gibt auf der ganzen Welt viele Tiny-House-Konzepte, Architekturprojekte, DIY, aber dabei haben wir nie höhere Stückzahlen gesehen. Und wenn sie höhere Stückzahlen haben, dann in einem ganz niedrigpreisigen Segment, also, da wird viel Schrott vertrieben. Das sehen wir nicht ein.

Urbanist Magazin: Was heißt ‘in Serie produzieren’, wie viele Cabins habt ihr geplant?

Simon: 2016 haben wir als Stückzahl eins, nächstes Jahr haben wir als grobes Ziel etwas mittleres Zweistelliges. Und das Jahr darauf hundert.

Urbanist Magazin: Wollt ihr die Cabins selber bauen?

Andreas: Nein, wir haben einen Produzenten. Wir hatten anfangs die Vorstellung, dass man vor allem beim ersten Protoypen mit Hand anlegen kann, aber man muss ehrlich sehen, das ist alles Hightech. Selbst eine Verbindung zwischen zwei Vollholzwandelementen ist irgendwo Hightech. Man braucht auch die professionellen Gewerke, die die Gewährleistung dafür geben können, dass das dann hundert Jahre alt werden kann.

Selbst eine Verbindung zwischen zwei Vollholzwandelementen ist irgendwo Hightech.

Urbanist Magazin: Habt ihr schon ein Dach?

Andreas: Nein, das ist gerade unsere größte Herausforderung. Wir könnten natürlich auch irgendwo auf einer Wiese bauen, aber das ist uns zu einfach. Es sollte innerstädtisch sein. Für den ersten Prototyp muss es halt in einer guten Lage, gut sichtbar, sein. Wir schauen uns gerade Parkhäuser an. Die haben eine gute Statik, das oberste Geschoss ist zum Parken am schlechtesten, für uns am besten. Absturzsicherungen sind auch da. Es muss nicht unbedingt am Alexanderplatz oben auf der Platte stehen, aber definitiv innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin.

Cabin Spacey

Innenansicht eines Cabins

 

Urbanist Magazin: Warum sollte man eigentlich statt eines Cabins nicht einfach ein Stockwerk oben auf das Haus bauen?

Andreas: Der große Vorteil ist, dass wir uns auf das Containermaß geeinigt haben, damit man es mit einem Tieflader rausfahren, mit einem Kran hochheben und oben hinstellen kann. Das sind keine Unsummen. Der Transport von Hamburg nach München würde 1.000 € kosten. Ein Kran kostet 500 € am Tag. Man kann einerseits das Produkt schlüsselfertig kaufen, andererseits wollen wir auch die Dienstleistung dazu anbieten, die Cabin auf einem Dach oder wo auch immer zu installieren. Sprich: Da sind dann Genehmigungen bei den Behörden einzuholen und haustechnische Problematiken, die wir lösen würden und und und.

Simon: Ein anderer Vorteil ist, dass eine Cabin teilweise nicht als Stockwerk zählt und wir deshalb dort bauen dürfen, wo man eigentlich kein Stockwerk mehr draufbauen darf. Wenn die Cabin ganz vorne auf dem Dach steht und man sie von unten sehen kann, dann ist das nicht erlaubt. Rückt sie aber so weit zurück, dass ich sie nicht mehr sehen kann, dann ist sie manchmal erlaubt.

Urbanist Magazin: Also die Cabin zählt nur dann als Geschoss, wenn man sie von unten sieht?

Simon: Manchmal zählt sie als Geschoss, manchmal nicht. Es kommt auf den Bebauungsplan an, da steht dann genau drin, was man darf und was nicht. Und der unterscheidet sich innerhalb Berlins. Das mit den Geschosszahlen ist auch so ein Ding. Es gibt einen Dichtekoeffizienten, wo man die Stadt nicht noch dichter bauen darf. Das ist völliger Schwachsinn. Es kommen mehr Leute in die Stadt, warum soll man da nicht noch dichter bauen? Geht doch.

Es kommen mehr Leute in die Stadt, warum soll man da nicht noch dichter bauen? Geht doch.

Urbanist Magazin: Muss das Haus dann noch am Dach befestigt werden?

Simon: Je nachdem, 20 Tonnen fliegen nicht einfach so weg.

Andreas: Auf dem Dach müssten natürlich Vorbereitungen getroffen werden. Es gibt einen Steg oder eine Terrasse aus Stahl in der Unterkonstruktion und oben drauf Holz und das ist das Interface. Da würde dann die ganze Technik drin sein, wie Abwasser, Zuwasser, Elektro, aber auch Lastabtragungen, damit die Kräfte, die auf das Dach wirken, über die Außenwände abgetragen würden. Die Terasse wäre wie eine Schnittstelle, das kann man sich vorstellen wie eine Dockingstation beim iPhone. Da wird die Cabin einfach nur noch reingesetzt.

Urbanist Magazin: Klingt ja fast, als ob das der schwierigere Teil wäre, oder?

Simon: Ja, wenn man die Baugenehmigung hat, alle rechtlichen Rahmenbedingungen abgeklärt hat und die Dockingstation steht, dann kann es jeder! Das ist der Bottleneck: die behördlichen Geschichten und die statische Aufbereitung.

Andreas: Wobei statisch und die Haustechnik selbst ist jetzt kein großes Problem, das muss bei jedem Hausbau angewendet werden. Und der Umfang ist bei uns viel geringer. Man hat irgendwo einen Schacht, den man von oben anzapfen kann. Wenn man weiß, wo der liegt, dann ist das nur noch eine Frage der Haustechnikplanung und der Statik. Der behördliche Gang wird der schwierigere Teil sein, denn das ist von Dach zu Dach unterschiedlich, da gibt es verschiedene Bestimmungen. Auch was die Zugänge, Fluchtwege, den Brandschutz und die Absturzsicherungen betrifft.

Urbanist Magazin: Wie wäre das denn mit den Zugängen?

Andreas: Wenn es nur eine Leiter aufs Dach gäbe, müsste die Treppe erweitert werden. Das ist ein Zugang. Wenn die Feuerwehr am Haus nicht anleitern kann, müsste man einen zweiten Rettungsweg schaffen.

Urbanist Magazin: Wie viel kostet es ungefähr, eine Cabin auf einem Dach zu installieren?

Simon: Für die Cabin an sich haben wir noch keinen genauen Preis. Solange sich das Produkt irgendwo im Bereich zwischen 30.000 € bis 70.000 € bewegt, ist alles gut. Die Anschlüsse und Behördengänge sind individuell, vielleicht nochmal 10.000 € obendrauf.

Urbanist Magazin: Gibt es denn Städte, die sich besser für euch eignen als andere?

Simon: In Deutschland ist Berlin der beste Standort, um zu starten. A wegen der Gründerkultur und B wegen der Fläche. Es gibt viele Plattenbauten und alte Industrieflächen in der Stadt. Die schwierigste Stadt in Deutschland ist wahrscheinlich wegen den Behörden München, aber dort gibt es auch die größte Not, ähnlich wie in Stuttgart. Die anderen interessanten Städte in Europa sind die klassischen Kurzurlaubsstädte: Barcelona, Madrid usw. Und dann weltweit, sobald es geht.

Urbanist Magazin: Wie viele Dächer sind denn in Berlin für die Cabins geeignet?

Simon: Es gibt eine Zahl vom Senat: Die Dächer Berlins haben Potential für 50.000 neue Wohnungen.

Kein Immobilienmarkler weiß, wie viel ein Dach wert ist.

Urbanist Magazin: Die Leute, mit denen ihr derzeit redet, sind also vor allem Hauseigentümer?

Simon: Ja, genau. Wir versuchen im Moment, Leute anzusprechen, die größere Bestände haben, also Wohnungsbaugesellschaften, Parkhausbetreiber und so weiter. In letzter Instanz sind es einzelne Hausbesitzer, die wir ansprechen, je nach Modell fragen wir nach Verkauf oder Pacht, das müssen wir mal schauen. Das Problem ist, dass es die Orte, die wir bedienen wollen, bisher nicht für Bebauungen in Betracht gezogen werden. Kein Immobilienmarkler weiß, wie viel ein Dach wert ist. Heute ist es häufig noch nichts wert, aber irgendwann wird sich das ändern und Hausbesitzer werden wissen, dass ihre Dächer sehr viel wert sind.

Urbanist Magazin: Was fehlt euch denn zur Zeit am meisten?

Andreas: Ein Dach [lacht].