Ulrike Heringer Kevin Schön Till Runge

Stadtleben von Ulrike Heringer, Kevin Schön und Till Runge, 13. Februar 2014

Verkehrspolitik ist langweilig? Verkehrspolitik ist in Berlin doch kein wirklich wichtiges Politikfeld? Und dann engagiert ihr euch auch noch nicht mal aus Gründen des Umweltschutzes? Im Ernst: Warum tut ihr überhaupt, was ihr tut? Weil wir wissen: Stadtpolitik ist zu einem guten Teil Verkehrspolitik – und wir lieben gute Städte.

Warum ist Verkehrspolitik so wichtig für Städte?

Die naheliegende Antwort ist: Alle deutschen Städte außer Berlin bestehen zu über 50% aus Verkehrsraum, also Straßen, Bahntrassen und so weiter. Schon allein aus dieser zahlenmäßigen Erwägung sollte man Verkehrspolitik als Stadtpolitik nicht unterschätzen.

Aber Städte bestehen ja nicht nur aus Zahlen, sondern sind von Menschen bewohnt. In einem emphatischen Sinne kann man Stadt als einen Ort verstehen, an dem vieles auf engem Raume zusammentrifft. Es stoßen Subkulturen und Religionen aufeinander, Pizzabäcker und Ingenieure, Alt und Jung, Spießer und Rechtsradikale, Arme und Reiche, und auch Touristen und Obdachlose kommen irgendwie miteinander in Kontakt. Und das Zusammentreffen von Fremden – also das, was Stadtleben von Landleben unterscheidet – findet großteils draußen statt: in der U-Bahn und im Bus, auf der Fahrbahn und dem Gehweg.

Städte sind immer auch Orte des Verkehrs: innerhalb einer Stadt fahren Bewohner zur Arbeit, Schule oder Uni, durchkreuzen Touristen auf der Suche nach Sehenswertem die Stadt, sind Menschen mehr oder weniger mobil. Zwischen Städten als Knotenpunkten eines Netzes fließt Verkehr – Städte bieten etwa mit Bahnhöfen und Flüghäfen die Voraussetzungen dafür.

Diese beiden Punkte, Städte als Orte des Zusammentreffens und Städte als Orte des Verkehrs, stehen in einer Spannung zueinander. Denn wo viele Menschen zusammen kommen, es also eine hohe Dichte gibt und Unmengen gleichzeitig geschieht, wird Verkehr zum komplexen Unterfangen. Dass in der Stadt nur selten der Verkehr komplett zusammenbricht, ist schon eine unglaubliche Leistung. Umgekehrt gilt aber auch: wo viel Verkehr ist (zumindest im herkömmlichen Sinne Autos, Züge, Bahnen etc.), sind Menschen häufig gestresst, etwa weil der Fluglärm nervt, die Straße stinkt oder die nächste Brücke zum Überqueren der Bahnlinie kilometerweit entfernt liegt. Dass das Leben in einer Stadt nicht die Hölle ist, ist nicht selbstverständlich und war auch gewiss nicht immer so.

Verkehrspolitik muss in diesem Spannungsfeld agieren, Städte anziehend gestalten und zugleich mit den verkehrlichen Folgen dieser Anziehung umgehen. Dabei geht es nicht nur um Durchflussmengen und Ampelräumzeiten, also darum, wie der Verkehr in der Stadt möglichst flüssig fließt, sondern darum, wie wir leben wollen, welche Prioritäten wir in einer Stadt setzen, was uns stört und was wir mögen. Das, so glauben wir, ist Grund genug, sich mit urbaner Verkehrspolitik auseinanderzusetzen – als originärem Bestandteil von Stadtpolitik.