Kevin Schön Ulrike Heringer Till Runge

Berlin von Kevin Schön, Ulrike Heringer und Till Runge, 30. April 2014

Keine Radfahrspuren in der Hermannstraße und der Sonnenallee! Das sei aber auch nicht schlimm: Radfahrer sollten doch mal lieber nicht so bequem sein und einfach die Nebenstraßen benutzen. Dies ist die Antwort des Neuköllner Bezirksstadtrats Thomas Blesing auf eine entsprechende Petition. Wir finden nicht nur diese kategorische Ablehnung, sondern auch deren Form ziemlich frech.

Die Unterzeichner der Petition von Saskia Ellenbeck fordern mehr Fahrradstreifen »auf den großen Verkehrsachsen« in »Nordneukölln«. Thomas Blesing, Leiter der Abteilung Bauwesen des Bezirksamts Neukölln, lobt die Radverkehrsförderung in Südneukölln und verweist auf das Nebenroutennetz, das die all zu bequemen Radfahrer doch auch nutzen könnten. Finde den Fehler!

Ein Blick auf die Karte offenbart schnell: Die genannten Nebenstraßen und gelobten Routen beschränken sich auf Ost-West-Verbindungen. Wir kennen jedenfalls keine Nebenroute, die den Ortsteil Neukölln nord-südlich durchquert. Autofahrende im Blick verkündet Blesing so auch selbst: Die strittigen Hauptachsen stellen »wichtige Verbindungsachsen zu den benachbarten Bezirken Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg dar«. Finden wir auch. Das sollte aber für alle Verkehrsteilnehmer gelten. Herr Blesing hat scheinbar noch nicht verstanden, dass auch das Fahrrad ein Alltagsverkehrsmittel ist, und nicht nur Freizeitspaß.

»Natürlich bedingt dies, dass der Radfahrer auch Nebenrouten benutzen möchte und nicht nur die bequeme Route auf den Hauptverkehrsstraßen im Fokus hat, was aber offenbar bei allen Kommentatoren Ihrer Petition der Fall ist.« (T. Blesing)

Wer die Hauptverkehrsachsen Nordneuköllns für Radfahrer als »bequem« bezeichnet, steht mit seiner Meinung ziemlich alleine da.

»Letztlich bleibt festzuhalten, dass Radfahrer mit Ortskenntnissen und der Bereitschaft, den einen oder anderen »Schlenker und Umweg« auf dem gut ausgebauten Nebennetz zu fahren, sehr wohl den Bezirk gut durchqueren können.« (T. Blesing)

Das heißt im Klartext: Menschen, die sich nicht gut auskennen, können Neukölln nur schlecht durchqueren. Schlimmer noch, auch für Alltagsfahrten sind die Nebenrouten nicht geeignet. Denn wer hat schon Zeit, täglich »den einen oder anderen »Schlenker und Umweg«« auf dem Weg zur Arbeit oder Schule in Kauf zu nehmen?

Man glaubt es kaum, aber es soll zudem auch Menschen geben, die Neukölln nicht nur »durchqueren«, sondern dort tatsächlich auch ankommen wollen – und zwar auch an Hauptverkehrsachsen. Dort fahren nämlich nicht nur Autos durch, sondern dort gibt es auch Wohnungen, Geschäfte und Büros, die es zu erreichen gilt. Blesings Aussage stellt somit auch einen Affront für alle Neuköllner Bewohner, Geschäftstreibende und sonstige Anlieger der Sonnenallee und Hermannstraße dar, die ihre Wege mit dem Rad zurücklegen wollen.

Und wer sich etwas in der Politik auskennt, der sieht, wie schnell sich »ganz klare Zuständigkeiten« verflüchtigen können, wenn ein klarer politischer Wille artikuliert wird. Herr Blesing hat wohl noch nie davon gehört, dass durch politischen Druck viel erreichbar ist: wer sich für fahrradfreundlichere Hauptverkehrsachsen bei der Verkehrslenkung Berlin und dem Senat stark macht, der kann und wird auch etwas erreichen. In Neukölln ruht man sich lieber darauf aus, nicht zuständig zu sein. Dafür nimmt man auch die vielen Fahrradunfälle in Kauf, zu denen es auf den drei Hauptverkehrsachsen jährlich kommt. Nicht umsonst gelten Hermannstraße, Karl-Marx-Straße und Sonnenallee berlinweit als Hauptunfallschwerpunkte – nicht nur für Radfahrer.

Aber von jemandem, der »innerhalb der nächsten zehn Jahre versuchen will, zu beginnen, den Hermannplatz umzubauen« (so Herr Blesing auf dem 4. Stadtforum 2030 Berlin) ist wohl auch nicht mehr Ehrgeiz zu erwarten.

Das vollständige Antwortschreiben findet ihr hier.

Coverfoto: Arne Hjorth Johansen / Angry Young Man / Flickr / CC BY-SA 2.0