Till Runge Ulrike Heringer

Stadtleben von Till Runge und Ulrike Heringer, 20. Mai 2014

Wir waren einige Tage in Kopenhagen und dort natürlich auch mit dem Rad unterwegs. Gemeinhin gilt Kopenhagen als eine der radverkehrs­freundlichsten Städte der Welt. Im Folgenden lest ihr unsere Eindrücke: blitzlichtartig, ungeordnet, zuweilen widersprüchlich. Have det sjovt!

Kopenhagen setzt auf Hochbordradwege, allerdings auf asphaltierte, breite und sichtbare. Nebeneinanderfahren ist häufig möglich. An Hauptverkehrsachsen sogar das gleichzeitige Überholen. Die Radwege sind so gut wie nie durch Bäume von der restlichen Fahrbahn abgeschirmt. Parkende Autos sind durch ausreichende Abstände vom Radweg entfernt. Kleine Stufen zu beiden Seiten der Radwege sollen sowohl als Abgrenzung zur Fahrbahn, als auch zum Fußgängerweg gelten. Diese können jedoch zu Stürzen führen, wenn man zu weit rechts oder links fährt. Die Radwege ermöglichen ein deutlich schnelleres Vorankommen, (ein Gefühl von) Sicherheit und viel Spaß am Radfahren. Fahrradfahren ist alltagstauglich. Zu Konflikten mit Autofahrenden sowie Fußgängern kommt es deutlich seltener als in Berlin. Und trotz der großen Menge auch nicht zu Konflikten mit anderen Radfahrern.
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Zum Drauf- und Runterfahren auf den Radweg gibt es ständig improvisiert aussehende Beton-”Schwellen”. Meist haben die Autos, die rechts abbiegen wollen, nicht mit den geradeausfahrenden Rädern Grün. Zum Anhalten hebt man die Hand. So gut wie alle geben Handzeichen. Fahrräder parken fast immer auf dem Fußweg, es gibt an vielen Stellen Radabstellplätze, die auch meist auf Fußwegen platziert sind oder man parkt einfach an einem Baum oder der Hauswand. Für Fußgänger mit Kinderwagen oder ähnlichem wird es dadurch teilweise etwas eng. Autostellplätze werden selten zum Radparken verwendet. Autofahrer sind sich der Radfahrer sehr bewusst und achten auf diese. Dabei kommt es allerdings manchmal zu Situationen, in denen Fußgänger übersehen werden. Allerdings gibt es auch rechtsabbiegende Autofahrer, die Radfahrer nicht beachten.
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Überall stehen Räder, auch teure Räder und Lastenräder, meist ohne Regenschutz (und es regnet sehr viel) und mit billigen Schlössern gesichert. Wir erfuhren, dass Radversicherungen in Dänemark auch dann zahlen, wenn das Rad über Nacht vor dem Haus geparkt und dort gestohlen wurde. Es gibt sehr viele Lastenräder, häufig die Christiania-Räder aus dem gleichnamigen Stadtteil. Sehr viele Leute fahren mit schicker Kleidung Rad. Mit Anzug. Mit Kleid. Mit High Heels. Sehr viele Leute fahren mit Hollandrädern und pragmatischeren Rädern als in Berlin Rad. Jedes zweite Fahrrad hat einen Korb am Lenker. Sehr viele junge, schicke Eltern fahren ihre Kinder in Lastenrädern herum. Es gibt generell viel mehr Kinder als in Berlin. Und auch mehr Lastenräder. Häufig beides zusammen. Die Stadt ist groß und weitläufig. Die Leute legen ähnlich weite Distanzen wie in Berlin zurück.
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Durch teilweise vorhandene Grüne Wellen und der getrennten Wegeführung kommt man sehr zügig voran. Aber es gibt auch Bereiche, an denen man von einer roten Ampel zur nächsten fährt. Wenige fahren mit Helm; wer mit Kindern unterwegs ist, lässt sein Kind Helm tragen, trägt aber meist selbst keinen. Rote Ampeln werden regelmäßig ignoriert, wenn die Straße bzw. der Fußgängerüberweg frei ist. Allgemein gibt es fast überall separate Ampeln für Radfahrer, inkl. eines Grünpfeils für Rechtsabbieger. Es wird wenig gehupt im Vergleich zu Berlin, Autofahrer wirken entspannter. Ebenso wird weniger geklingelt. Radfahrer wirken entspannter. Fußgänger wirken entspannter. Busfahrer wirken entspannter. Es rennen nicht ständig Leute auf den Radweg, außer ein Touristenbus ist angekommen. Busse halten an den Haltestellen links vom Radweg, Passagiere müssen direkt auf den Radweg steigen. Radfahrer halten an und warten, bis alle ausgestiegen sind. Es gibt aber auch Businseln, die zwischen Radweg und Busspur liegen.
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Einige Straßen dürfen nur von Rad und Bussen benutzt werden. An vielen Stellen sind Radspur und Autospur etwa gleich groß. Der Stadtraum ist weniger durch parkende Autos genutzt als in Berlin. Die Stadt ist sehr belebt und trotzdem recht ruhig. Autofahrer fahren relativ langsam. Fahrradfahrer auch. Man kommt mit einem Ein-Gang-Fahrrad ganz gut zurecht, auch wenn es mehr Berge gibt als in Berlin. Motorroller fahren auch auf Radspuren. Das neue Leihradsystem mit Fahrrädern mit Motor und Tablet funktioniert halbwegs gut, die Räder sind jedoch sehr schwer und unhandlich, der Motor ist schlecht eingestellt. Großteils gibt es 40er Zonen, keine 30er Zonen. Trotzdem fahren die Autos deutlich langsamer als in Berlin. Der Durchmesser der Straßen ist wie in vielen anderen Städten deutlich geringer als in Berlin. Auch bei Regen sind viele Radfahrer unterwegs, jedoch “normal” gekleidet und nicht in vollständiger Regenkluft.

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