Ulrike Heringer

Berlin von Ulrike Heringer, 21. Oktober 2014

Dicht an dicht reihen sich Bars und Cafés aneinander, der Duft von Falafel und Burgern liegt in der Luft, Menschenmassen bewegen sich vorwärts, bevölkern Fußwege, Straßen und jegliche Sitzgelegenheiten. Kinder schreien, Väter zwängen Kinderwägen durch die Horden von Passanten. Blumenverkäufer verkaufen Blumen, Sushi wird gerollt, daneben Gras und Zigaretten. Monatlich schwärmen zur Critical Mass tausende Radfahrer durch die Oranienstraße. Und auch im Alltag wächst die Zahl der Radfahrer zeitweise zu Fahrradstraßen-Dimensionen heran. Aber auch andere Verkehrsteilnehmer sind hier im Überfluss vorhanden. Doch zeitweise geht auf den Straßen rund ums Kotti gar nichts mehr, wenn eine Demonstration oder Kundgebung den Kiez lahmlegt und wachrüttelt. Politik trifft auf Café-Kultur, auf Bäcker, Schuhgeschäft, Antiquariat und Unmengen Restaurants. Menschen über Menschen, ein Sprachenwirrwarr und Mentalitätenmix. All das, was man heute gemeinhin unter Urbanität versteht, ist in der Gegend rund um die Oranienstraße in Kreuzberg im Übermaß vorhanden.

Critical Mass in der Oranienstraße

Foto: Alper Çuğun / Flickr / CC-BY 2.0

Doch beinahe wäre es ganz anders gekommen. Denn Kreuzbergs SO 36 (so heißt der Teil Kreuzbergs rund um das Kottbusser Tor) sollte dem Erdboden gleichgemacht werden. Ende der 1950er Jahre, als Kreuzbergs Hinterhöfe noch dunkel und dreckig waren und viele der Häuser leer standen, da hatte man einen Traum: den Traum des autogerechten Berlins. Und diesen Traum setzte man in weiten Teilen Berlins auch ganz konkret in die Tat um, riss Häuser ab und verbreiterte Straßen. Und auch in Kreuzberg plante man, die dunklen Hinterhofwohnungen und heruntergekommenen Altbauten abzureißen, um der Autobahn Platz zu schaffen. Über Schöneberg nach Kreuzberg und weiter über die Sonnenallee bis nach Köpenick sollte sie nämlich gehen: die A 106, eine der Bundesautobahnen Berlins. Und die Oranienstraße, heute vor Urbanität nur so übersprudelnd, sollte damals eine der geplanten Hauptautobahnachsen werden, mit Autobahnkreuz am Oranienplatz.

Um das Wohnen zumindest für einen Teil der Bevölkerung trotzdem attraktiv zu machen, und den Exodus aus Kreuzberg zu verhindern, hatte man sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Über die Adalbertstraße am Kottbusser Tor wurde das Neue Kreuzberger Zentrum (heute Kreuzberger Zentrum genannt) von den Architekten Wolfgang Jokisch und Johannes Uhl, nach einer Rahmenplanung von Werner Düttmann von 1969-1974 errichtet. Nördlich des Zentrums sollte die Autobahn entstehen. Wer sich fragt, was dieser Koloss, der eine Straße überspannt und für 1.000 Mieter Platz hat, eigentlich soll, der hat nun die Antwort: das Gebäude galt als Lärmschutz für südlich wohnende Menschen. Dass darin auch Menschen wohnten, war nur ein kleiner Nebeneffekt, ihre psychische und körperliche Belastung durch die Autobahn nahm man billigend in Kauf. Aber hey, immerhin sollten sie verkehrsgünstig wohnen, mit direktem Autobahnanschluss.

Kottbusser Tor – »Kotti«

Foto: Lienhard Schulz / Wikipedia / CC-BY-SA 2.0

Fast alle, die es sich leisten konnten, verließen nach der Verlautbarung der Autobahn-Pläne fluchtartig den Kiez. Die nun leerstehenden Häuser wurden großteils nicht mehr vermietet und dem Verfall überlassen, um sie dann abreißen zu können. Doch nach und nach entwickelte sich eine Protestkultur, die gegen den Kahlschlag und den Autobahnbau vorging. Häuser wurden besetzt, Demos wurden organisiert und Bünde geschmiedet. Der Durchsetzungskraft der Hausbesetzer und Protestler ist es zu verdanken, dass die Oranienstraße nicht zu einer großen Autobahn wurde.

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Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.


_dChris/ Berlin von oben / Flickr / CC BY 2.0