Till Runge Ulrike Heringer

Verkehr von Till Runge und Ulrike Heringer, 17. Oktober 2014

Vielleicht habt ihr sie schon gesehen: die Lastenräder von Velogista. Seit Anfang diesen Jahres gibt es die Genossenschaft, die sich zum Ziel setzt, den Warentransport in Berlin mit ihren Lastenrädern zu revolutionieren. Zum Start ihrer Crowdfunding-Kampagne sprachen wir mit Roland Naumann, einem der Gründer von Velogista.

Urbanist: Hallo Roland. Erzähl doch mal kurz, was Velogista eigentlich macht?

Roland Naumann: Wir machen Citylogistik für Gewerbekunden mit Lastenrädern. Wir fahren ausschließlich in der Stadt, momentan hauptsächlich innerhalb des Berliner S-Bahnrings. Derzeit fahren wir beispielsweise für Getränkegroßhandel Getränke aus, fahren für eine Druckerei, bringen Biogemüsekisten an Büros und machen Feinverteilung für Berliner Manufakturen, beispielsweise liefern wir Kaugummis, Chips und Schokolade an Kinos, Hotels oder Spätis. Wir kaufen auch bei Großhändlern ein und liefern das dann an andere aus. Unser Konzept ist es, regelmäßige, planbare Touren zu fahren. Wir sind also kein Kurierdienst mit größeren Fahrrädern. Klar machen wir auch mal eine Expresslieferung, wenn wir Kapazitäten haben, aber das ist nicht das Hauptgeschäft. Wir machen Logistik für Gewerbe in urbanen Räumen. Zur Zeit beschränken wir uns auf Berlin, aber es ist geplant, das Ganze auch auf andere Städte auszuweiten, wenn es funktioniert. Da es im Ausland schon Städte gibt, in denen es das tut, ist das also kein Himmelsfahrtskommando, aber bis die Leute das flächendeckend akzeptieren, da haben wir noch ein dickes Brett zu bohren.

Urbanist: Wie viele Lastenräder habt ihr?

Roland: Zur Zeit haben wir zwei Lastenfahrräder im Einsatz. Bis spätestens April nächsten Jahres wollen wir sechs Fahrräder voll ausgelastet haben. Im Dreijahresplan zielen wir auf 50 bis 60 Räder – den Markt dazu gibt es. Wir sind derzeit klein, wollen das aber ändern.

Urbanist: Was ist der Vorteil daran, Waren mit Lastenrädern zu liefern?

Roland: Vorteil ist, dass die Lastenräder kein CO2, keinen Feinstaub und keinen Lärm produzieren, dass sie die Infrastruktur nicht so belasten und dass nicht überall Autos herumstehen. Wenn Rush Hour ist, dann können wir mit unseren Rädern auf dem Radstreifen am Stau vorbeifahren. Und wir müssen uns nicht auf die Straßen begrenzen, können zum Beispiel auch Abkürzungen nehmen und durch Parks fahren. Wir sind dabei nicht teurer als andere Lieferanten.

Urbanist: Was ist euer Ziel?

Roland: Unser übergeordnetes Ziel ist es, die Stadt lebenswerter zu machen. Dabei ist es schlau, alles was man mit unseren Fahrrädern liefern kann, auch mit unseren Fahrrädern zu liefern. Gerade die Lieferwagen, die in der Stadt herumfahren, also die die Feinverteilung machen, sind im Normalfall nur zur Hälfte beladen. Das könnte man super einfach ersetzten. Es gibt Studien, die belegen, dass mindestens 50% des städtischen Lieferverkehrs ersetzt werden könnte. Aber wenn wir sagen, dass unsere Fahrräder die Stadt lebenswerter machen, dann können wir das nicht nur als ein ökologisches Thema sehen, sondern dann müssen und wollen wir auch, dass die Leute, die für uns arbeiten, sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, Urlaub und auch einen festen Lohn bekommen, von dem sie leben können. Wenn sie krank sind, dann sind sie krank und bekommen ihr Geld weiterbezahlt. Die Logistik- und Transportbranche ist ja sehr prekär. Dem wollen wir etwas entgegensetzen.

Urbanist: Ihr seid eine Genossenschaft. Was bedeutet das?

Roland: Das Ganze ist ein Community-Ding, das ist auch eine Bewegung, es geht nicht nur um unsere Dienstleistung, sondern wir sehen den Mehrwert für alle, wir sehen, dass unsere Dienstleistung notwendig ist. Genossenschaftsmitglied kann man werden, wenn man die Idee gut findet, aber nicht tagtäglich mitarbeiten will. Man kauft Genossenschaftsanteile und hat dann auf der Jahreshauptverteilung eine Stimme, kann partizipieren und erhält eine Gewinnbeteiligung. Wir wollen die Menschen natürlich kennenlernen, die bei uns mitmachen wollen – und können im Zweifel auch Personen ablehnen. Aber schließlich können die dann auch mitbestimmen. Derzeit gibt es bei uns 35 Genossenschaftsmitglieder, acht hauptamtliche Mitarbeiter und vier Fahrer.

Urbanist: Wie viel könnt ihr laden?

Roland: Wir können die Fahrräder mit einer kompletten voll beladenen Europallete beladen. Das geht auch mit einem Gabelstabler, was bei einem möglichen Gesamtgewicht von 250 Kilogramm auch sinnvoll ist. Aber auf die 250 Kilogramm kommen wir derzeit selten. Meist erreichen wir vorher die Flächenkapazität. Die Fahrräder sind 3m lang, 1,20 m breit und 2,10 m hoch. Wir sind auch an der Entwicklung der Fahrräder beteiligt, die wir von der Firma Radkutsche beziehen. Die Prototypen testen wir dann auf der Straße. Wir wollen durchaus noch größere Fahrräder haben bzw. mit dem Gewicht hochgehen. Derzeit versuchen wir auch, ein Fahrrad zu entwickeln, das Fahrräder laden kann.

Urbanist: Was wünscht ihr euch denn ansonsten für die Zukunft?

Roland: Langfristig wünschen wir uns Logistikhubs am Stadtrand, die mit Waren beliefert werden – im besten Fall mit Zügen. Wir übernehmen dann mit Lastenrädern die Feinverteilung in der Stadt. Das heißt, es müssten keine riesigen LKWs in die Stadt reinfahren. Und in anderen Städten ist das auch schon gängig. In Paris zum Beispiel kommen Schiffe über die Seine, die Kisten geladen haben, die genau auf Lastenräder passen. Die Lastenfahrräder werden dann je mit einer Kiste beladen und übernehmen die Feinverteilung in der Stadt. Es gibt viele gute Beispiele von europäischen Städten, Deutschland hinkt da total hinterher.

Roland Naumann Velogista LastenradverleihUrbanist: Wie ist die Unterstützung seitens “der Politik”?

Roland: Da könnte auf jeden Fall noch viel mehr passieren.

Urbanist: Was wünscht ihr euch denn?

Roland: Einerseits würden wir uns natürlich wünschen, dass es eine größere Förderung für solche Projekte gibt, sowohl finanzieller Natur als auch die Schärfung des Bewusstseins für solche Dienstleistungen betreffend. Andererseits hoffen wir auf einen Ausbau der Infrastruktur, der darauf achtet, dass man mit Fahrrädern und Lastenfahrrädern gut durch die Stadt kommt. Das ist ja auch einfach ein Wirtschaftsfaktor! Umwege wegen schlechter Radinfrastruktur machen unser Geschäft schwieriger.

Urbanist: Kann ich eigentlich meinen Umzug mit euch machen?

Roland: Wir haben schon Umzüge mit den Rädern gemacht. Und wenn wir was frei haben, können wir das auch wieder machen, aber eigentlich sind wir kein Umzugsunternehmen. Normalerweise haben wir eine Woche im Voraus alles geplant, also kann man uns durchaus anschreiben.

Urbanist: Wie kann man euch unterstützen?

Roland: Heute startet unser Crowdfunding-Kampagne bei Startnext in Zusammenarbeit mit dem Social Impact Lab. Unser erstes Ziel sind 20.000€, um damit ein neues Fahrrad, das alleine etwa 10.000€ kostet, zu kaufen und in unseren Räumlichkeiten eine Fahrradwerkstadt für Lastenräder einzurichten. Die ist nicht nur für uns gedacht, sondern kann gegen ein kleines Nutzerentgelt auch von anderen genutzt werden, die ein Lastenrad haben. Falls wir auf 45.000€ kommen, kaufen wir ein zweites Rad. Dann sind wir weit besser für die Zukunft gerüstet und können nicht so leicht von großen Anbietern verdrängt werden. Außerdem entwickeln wir dann auch unsere eigene Software für Logistik.

Urbanist: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg. Wir werden bestimmt noch eine Menge von euch hören.

Roland: Danke danke, das hoffen wir auch.

 

Hier gehts zur Crowdfunding-Aktion von Velogista.

Und hier findet ihr die Website von Velogista.

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