Ulrike Heringer

Verkehr von Ulrike Heringer, 26. Januar 2015

»Fahrradweeeg!«, wurde ich neulich wieder von einem vorbeifahrenden Autofahrer angeschrien, als ich auf der Oranienstraße von Westen kommend Richtung Moritzplatz unterwegs war. Dass er mich dabei viel zu dicht überholte, sollte seinen Worten wohl mehr Eindruck verleihen. Warum er es nicht für nötig hielt, einen ganzen Satz zu formulieren, weiß ich nicht. Möglicherweise lag es daran, dass er viel zu schnell unterwegs war. Was wollte er mir mit »Fahrradweeeg!« eigentlich sagen? Dass ich ein Fahrradweg sei? Die neue Begrüßungsformel unter hartgesottenen Autofahrern vielleicht? Nein, mit »Fahrradweeeg!« meinte er wohl, dass ich auf dem Fahrradweg zu fahren habe, den der Fuchs am rechten Fahrbahnrand erspäht hatte. An der nächsten roten Ampel kam ich neben ihm zum Halt und klärte ihn über die Gründe meines vermeintlichen Fehlverhaltens auf.

Als Radfahrer muss ein Radweg seit 18 Jahren nur noch dann benutzt werden, wenn er mit einem blauen Schild markiert ist (das – zumindest theoretisch – mit bestimmten Kriterien, wie einer ausreichenden Breite, verbunden sein muss). Denn die allgemeine Radwegebenutzungspflicht ist seit dem Jahr 1997 abgeschafft, seitdem ist das Fahren auf der Fahrbahn erlaubt, wo es nicht explizit verboten ist.

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Die Zeichen 237, 241 und 240 zeigen an, wenn ein Radweg bzw. gemischter Rad- und Fußweg benutzt werden muss.

Gut so, denn Studien ergaben, dass das Fahren auf Radwegen für Radfahrer gefährlicher ist als das Fahren auf der Straße. Dies liegt unter anderem daran, dass rechtsabbiegende Autofahrer auf dem Radweg geradeaus fahrende Fahrradfahrer schwer sehen können. Sind die Radwege zudem hinter parkenden Autos oder vielen Bäumen versteckt, ist die Gefahr weiter erhöht. Wer hingegen auf der Fahrbahn fährt, wird von Autofahrern meist lange im Voraus wahrgenommen und bleibt sichtbar. Das ist objektiv sicherer, denn rechtsabbiegende Autos sind eine der größten Gefahren für Radfahrer.

All dies trifft auf deutsche Radwege besonders zu, denn diese wurden häufig nicht gebaut, um Radfahrern einen eigenen, sicheren Platz zu verschaffen, sondern um Autofahrern freie Straßen zu ermöglichen. Mit dem Ziel, den Radverkehr dem Autoverkehr unterzuordnen, wurde Ende der Zwanzigerjahre mit dem Bau der Radwege begonnen, und in der Nazizeit wurde das Projekt ausgeweitet. Weil der Bau von Radwegen allein nicht reichte, um auch den letzten Radler von der Fahrbahn zu verdrängen, bediente man sich 1934 der Disziplinierung der Radfahrer durch die Einführung der allgemeinen Radwegebenutzungspflicht. Dass viele Radwege nicht zur Fahrrad-, sondern Autoförderung gebaut wurden, das sieht man ihnen vielerorts auch heute noch an.

Seit der Abschaffung der allgemeinen Radwegebenutzungspflicht verstärkte sich das Problem schlechter Radwege an so einigen Stellen sogar noch. Denn wenn ein Radweg nicht mehr benutzt werden muss, dann wird er von der Stadt häufig vernachlässigt. Man kann ja auf der Straße fahren, wenn es einem nicht passt.

Soll man also alle Radfahrer auf die Straße führen, etwa mit einem Radfahrstreifen oder einfach als Verkehrsteilnehmer wie Autofahrer auch? Wenn es nur um die objektive Sicherheit der bisherigen Radfahrer geht, dann ja. Allerdings würden dann einige mit dem Radfahren aufhören. Und Menschen, die bisher noch nicht Rad fahren, wird man so selten zum Radfahren bringen. Statistische Werte sind das Eine, Gründe, warum Menschen Rad fahren, etwas ganz Anderes. Während viele Unfälle Menschen davon abhalten, Rad zu fahren, sind wenige Unfälle noch kein Grund, damit anzufangen. Rad fahren muss angenehm sein. Gute Radwege schaffen genau dieses Gefühl. Denn sehr wenige Radfahrer fahren tatsächlich gerne auf der Fahrbahn, insbesondere auf Hauptverkehrsstraßen. Vielerorts fahren Menschen Rad, nicht wegen, sondern trotz der – zum Teil widrigen – Bedingungen. Andere fahren deswegen nicht. Um Menschen, alt oder jung, langsam oder mit Lasten beladen, zum Radfahren zu bewegen, muss man ihre gefühlte, subjektive Sicherheit erhöhen, die auf separat geführten Radwegen deutlich höher ist.

Ja, du hast richtig gelesen. Wir plädieren gegen die Radwegebenutzungspflicht und für gute Radwege. Was denn jetzt? Wie so oft im Leben muss man darauf antworten: Es kommt auf den jeweiligen Gesamtzusammenhang an. Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll ist, auf der Straße zu fahren – ob mit oder ohne auf die Straße gezeichnetem Radfahrstreifen – es gibt andere, die sind ohne Radweg nur mit viel Mut zu meistern und es wäre töricht, dort keine Radwege anzubieten. Eine Benutzungspflicht brauchen Radwege aber nicht. Wenn Radwege gut und sicher genug sind, wird man Menschen auch nicht zwingen müssen, sie zu benutzen.

Viele Menschen fahren gerne Rad. Wahrscheinlich noch viel mehr als man auf den Straßen sieht, da viele durch schlechte Bedingungen und gefühlte Gefahren davon abgehalten werden. Dies muss man ändern, denn wo Radfahren angenehm ist, wird es meist langfristig sicherer, wenn damit mehr Menschen zum Radfahren gebracht werden – bekannt als Safety in Numbers-Effekt. Ob man das letztlich durch Radwege oder Radfahrstreifen, durch Tempo 30-Zonen oder anderes erreicht, ist dann zweitrangig.