Till Runge Ulrike Heringer Kevin Schön

Verkehr von Till Runge, Ulrike Heringer und Kevin Schön, 2. Februar 2015

Von Jahr zu Jahr fuhren in Deutschland immer mehr Menschen immer weitere Strecken mit dem Auto. Diese Entwicklung scheint zumindest in den Städten gestoppt zu sein. Dort nehmen die Menschen häufiger die Bahn und das Rad als früher und legen insgesamt weniger Wege mit dem Auto zurück. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, da viel Autoverkehr gerade in Städten zu einer hohen Belastung für deren Bewohner werden kann.

Gleichzeitig bringt das paradoxerweise neue Probleme mit sich. Schauen wir uns den Fall überhöhter Geschwindigkeiten an: Die gefahrene Höchstgeschwindigkeit wird bei dichtem Autoverkehr durch die langsameren Autofahrer bestimmt. Fahren viele angemessen schnell, so bremsen sie die potentiellen Raser aus. Berliner Unfallforscher haben diesen Befund letztes Jahr durch verdeckte Untersuchungen empirisch untermauert:

»Aus den Messdaten von Tempo-50- Straßen lässt sich schließen, dass etwa jeder Zehnte deutlich zu schnell fährt, wenn er kann: Bei relativ dichtem Verkehr – auf den sich anhand eines höchstens viersekündigen Abstandes zwischen zwei Fahrzeugen schließen lässt – sind nur etwa vier Prozent mit mehr als 55 Kilometer pro Stunde unterwegs. Bei freier Strecke – mindestens zehn Sekunden Abstand zum Vordermann – stieg der Anteil auf neun Prozent. Die Quote derer, die mehr als 60 km/h fuhren, verdoppelte sich von zwei auf vier Prozent. Und die der schlimmsten Raser, die mit mehr als Tempo 70 gemessen wurden, stieg von 0,2 auf 0,5 Prozent.« (Stefan Jacobs, Tagesspiegel)

Was passiert also, wenn mehr Menschen ihre täglichen Wegen mit Bahnen und Fahrrädern zurücklegen? Weniger Autos haben dann mehr Platz. Die reduzierte Dichte ermöglicht höhere Geschwindigkeiten. Und, schlimmer noch, die Autonutzerschaft wird sich verändern, da wahrscheinlich gerade diejenigen weniger Auto fahren, die bisher häufig schon andere Verkehrsmittel nutzten, also gerade diejenigen, die aus eigener Erfahrung wissen, wie unangenehm ein schnell fahrendes Auto auf Radfahrer und Fußgänger wirkt.

Paradoxerweise können also weniger Autos zu einem unangenehmeren Verkehrsklima für alle Verkehrsteilnehmer führen. Zumindest, wenn der Autos überlassene Straßenraum unverändert bleibt.

Coverfoto: Dan DeChiaro, Ludicrous Speed, flickr, CC-BY-2.0