Ulrike Heringer

Verkehr von Ulrike Heringer, 24. März 2015

Forderungen nach einer Nummernschildpflicht für Fahrräder hören wir regelmäßig. Mit einer solchen Pflicht, so die Hoffnung derjenigen, die sie fordern, nehme das Fehlverhalten der Radfahrer ab. Denn die bisherige Anonymität werde ausgenutzt. Stimmt das?

Klar, manche Radfahrer verhalten sich einfach daneben. Wenn 20% der Berliner Wege mit dem Rad zurückgelegt werden, dann natürlich nicht nur von rücksichtsvollen Menschen. In allen Verkehrsmitteln gibt es Menschen, die sich falsch verhalten: Einige U-Bahn-Fahrgäste warten vor dem Einsteigen nicht, bis alle ausgestiegen sind, einige Autofahrer parken auf Radstreifen und einige Radfahrer sausen so schnell an Fußgängern vorbei, dass diese es mit der Angst zu tun bekommen.

Wer im Internet zum Thema Radfahren liest, der findet unter fast jedem Artikel Kommentare von Menschen, die sich über Radfahrer aufregen. Nicht selten kommt dann die Forderung, dass Radfahrer Nummernschilder bekommen müssten. Die Argumentation geht etwa so: »Radfahrer fühlen sich anonym, daher benehmen sie sich daneben. Hätten sie ein Nummernschild, könnte man sie erkennnen und folglich für ihr Fehlverhalten belangen. Aus Angst vor der Strafe würden sie sich besser benehmen.« Stimmt das?

Eine ganz ähnliche Debatte gibt es um Online-Kommentare. Denn viele Online-Diskussionen enden in wilden Beschimpfungen und hässlichen Ausfällen. Sogenannte »Trolle« verhindern Diskussionen, indem sie jegliche Versuche sachlicher Auseinandersetzungen systematisch unterlaufen. Online-Diskussionen haben einen solch schlechten Ruf, dass die Süddeutsche Zeitung die Kommentarspalten unter fast allen Artikeln schloss und nur noch ausgewählte Artikel zur Diskussion freigibt.
Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, welche Kommunikation im Internet fortwährend und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen und konstruktiven Beitrag zur Diskussion enthalten. (Wikipedia)


»Internet dog« by Peter Steiner

»Internet dog« by Peter Steiner. Licensed under Fair use via Wikipedia

Warum gibt es so viele Trolle im Internet? Lange war Konsens, dass die Anonymität des Internets dafür verantwortlich sei. Wenn niemand wissen kann, wer man ›wirklich‹ ist, gibt es auch keinen Grund, sich zu benehmen. Man kann nach Lust und Laune Menschen beleidigen, ihnen drohen oder gegen Minderheiten hetzen. Oder einfach jegliche Diskussion mit völlig unsachlichen Kommentaren zerstören.

Doch dann kam Facebook – und mit Facebook die Identität zurück ins Internet. Man kann sich zwar auch dort unter falschem Namen anmelden, ein Bild seiner Katze als Profilbild wählen und einen Zweitaccount anlegen. Aber viele Menschen nutzen Facebook doch mit ihrem richtigen Namen, laden ein eigenes Foto als Profilbild hoch und freunden sich nur mit Menschen an, die sie auch offline kennen. Facebook hat schnell erkannt, welche Chancen sich aus dieser neuen Identifizierbarkeit ergeben. Seit einigen Jahren gibt es ein Kommentarsystem für Webseiten, das nur mit Facebook-Login funktioniert. Bauen Webseiten dies ein, so können Nutzer nur noch unter ihrem Facebook-Namen schreiben. Ziel ist es, eine gewisse Troll-Freiheit in den Diskussionen zu gewährleisten. Kommentare sollten durch ihre De-Anonymisierung wieder zu wichtigen Ergänzungen der Artikeln werden.

Leider hat das nicht wie gewünscht funktioniert. Der ein oder andere hat bestimmt sein Verhalten geändert und ›trollt‹ in Facebook-Kommentarbereichen weniger als anderswo. Doch gerade diejenigen, die am unangenehmsten auffallen, haben auch keine Scham, dies mit offenem Visier zu tun. Sogar volksverhetzende und andere strafbewehrte Aussagen werden weiterhin getätigt, nun eben mit vollem Namen. An der Anonymität kann es also nicht liegen, dass Menschen sich daneben benehmen.

Das hätte man eigentlich auch schon vorher wissen können. Denn auch im Straßenverkehr gibt es eine große Gruppe, die bereits mit Nummernschilder unterwegs ist: die Gruppe der Autofahrer. Und wer sich auf der Straße umsieht, wird schnell erkennen, dass auch hier eine Identifizierbarkeit nicht zur gewünschten Regeltreue führt. Warum sonst gibt es viele Autofahrende, die über rote Ampeln fahren, auf Radwegen parken, zu dicht überholen und Geschwindigkeitsbeschränkungen deutlich übertreten? Durch das Nummernschild sollte ein solches Verhalten doch eigentlich gar nicht vorkommen. Es ist aber gängig, genau wie dämliche oder gar volksverhetzende Kommentare bei voller Identifizierbarkeit im Internet. Wieso sollte ein Nummernschild für Radfahrer funktionieren?

PS: Warum brauchen Autos dann überhaupt ein Nummernschild?

Autos sind schwer und schnell, Unfälle mit Automobilbeteiligung gefährlich und nicht selten tödlich. Nach einem solchen Unfall ist häufig eine Strafverfolgung notwendig. Und genau in diesem Fall spielen Nummernschilder ihren Vorteil aus: Sie erleichtern eine nachträgliche Identifizierung. Dieser Vorteil muss jedoch stets gegenüber möglichen Nachteilen abgewogen werden. Ein Nummernschild ist eine zusätzliche bürokratische Hürde, die die Benutzung eines Fahrzeugs erschwert. Im Fall eines Automobils ist das auch angemessen, schließlich übernimmt der Halter Verantwortung für ein tonnenschweres Gerät. Wenn es zu einem Unfall kommt, dann ist dieser häufig so schwer, dass die Schäden nicht vom Autohalter bezahlt werden können, sondern von dessen Versicherung übernommen werden müssen. Daher gibt es auch eine Versicherungspflicht. Nummernschilder verhindern also weniger Fehlverhalten, als sie die Folgen dieser zu bewältigen helfen.

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Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.