Till Runge Kevin Schön

Berlin von Till Runge und Kevin Schön, 18. März 2015

Die Stadt von heute beruht auf den Entscheidungen von gestern. Chris Lopatta hat die 90er Jahre als verkehrspolitisch aktiver Mensch in Berlin erlebt. Er demonstrierte gegen die Öffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr und war Mitgründer der ADFC-Gruppe im Prenzlauer Berg. Die hieß damals »Die RADikalen«.

Till Runge: Chris Lopatta, schön, dass wir bei dir sein dürfen. Erzähl uns doch zum Einstieg mal kurz, mit wem wir es zu tun haben.

Chris Lopatta: Gerne. Ich bin Lopatta, alter Ostberliner. Von Beruf bin ich Schauspieler und habe das auch in Berlin studiert, von 1984 bis ‘88 – und ‘88 habe ich dann in Greifswald angefangen, was ja eine Fahrradstadt ist. Da war ich bis ‘93 – und ab ‘95 habe ich dann in Leipzig im Theater der Jungen Welt gearbeitet – bis jetzt vor zwei, drei Jahren. Siebzehn Jahre. Jetzt bin ich freischaffend und kann mich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Ich habe nämlich ein ganz großes Laster: Ich bin alter Union-Fan und das noch länger als ich Fahrrad-Fan bin, nämlich seit 1977.

Chris Lopatta

Chris Lopatta

Till Runge: Du hast erzählt, dass du auch schon in der DDR sehr fleißig mit dem Fahrrad gefahren bist. Vielleicht kannst du uns, junge Menschen, die von der DDR hauptsächlich in der Schule gehört haben, einfach mal einen Einblick in das Straßenleben geben?

Chris Lopatta: In meiner Jugend, was so Ende der 70er Anfang der 80er war, spielte das Fahrrad in Berlin nicht so eine große Rolle. Meine Mutter hatte einen Trabant Kombi und ich habe mit 18 auch gleich den Führerschein gemacht. Das musste man ja im Osten sofort machen, sobald man 18 wurde: den Führerschein und dann eine Anmeldung für ein Auto. Egal ob man später eins haben wollte oder nicht, weil man ja erst ungefähr zehn Jahre später die Zusage bekommen hat, dass man ein Auto kaufen darf. Und trotzdem bin ich auch damals schon Fahrrad gefahren, aber nicht so häufig wie heute. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in der DDR so billig waren, fast schon ein Nulltarif. Ein furchtbares Problem im Osten war, überhaupt an Räder oder an Ersatzteile zu kommen. Ich erinnere mich, dass ich mal im Urlaub in Rostock war und extra, damit ich da mobil bin und an den Strand fahren kann, ein Klapprad mitgenommen habe. Das hab ich da stehen lassen und bin eine Woche später wiedergekommen und dann war das Vorderrad geklaut. Das hat Monate gedauert, bis ich für dieses Fahrrad dann ein Ersatzteil hatte. Das war echt eine Aufgabe. Selbst so was wie Ventile waren ein Problem. Als ich dann ‘88 in Greifswald war, in dieser Fahrradstadt, in der ich dann wirklich nur Fahrrad gefahren bin, habe ich das Fahrrad am Bahnhof abgestellt, wenn ich nach Berlin gefahren bin. Jedes Mal war es eine große Zitterei, ob noch Luft auf dem Reifen ist, ob vielleicht jemand das Ventil geklaut hat. Denn Ventile waren nicht leicht zu bekommen und daher hat man sich eben ständig gegenseitig die Ventile geklaut. Das war echt anstrengend. [lacht]

Kevin Schön: Gab es keine Fahrradläden oder waren nur bestimmte Teile Mangelware?

Chris Lopatta: Es gab ganz normale Fahrradläden so wie heute auch, aber die hatten eben, was ja ein ganz normales Problem in der DDR war, ein Materialproblem. Als ich das erste mal im Westen war, war ich dann auch nicht von der Warenvielfalt in den Kaufhäusern und in den Supermärkten am meisten beeindruckt, sondern ich stand auf der Straße und hab Fahrräder angeguckt. Die haben mich echt schwer beeindruckt. Gleichzeitig habe ich als Ostbirne gedacht: »Boah stinkt es hier«. Die Zweitakter im Osten hatten einen anderen Geruch als die Viertakter im Westen. Für einen Ostberliner hat der Westen gestunken, für einen Westberliner der Osten. Und das ist dann wahrscheinlich immer eine Frage der Gewöhnung gewesen.

Till Runge: Da warst du wahrscheinlich ein Ausnahmefall mit deiner Radbegeisterung. Die meisten werden wohl gedacht haben: »Boah, toll diese Autos!«

Chris Lopatta: Ich hatte schon damals eine sehr kritische Haltung zum Auto überhaupt. Ich hab mich in der Zeit auch mehr der Verkehrspolitik zugewandt. Ziemlich am Anfang habe ich Uta Wobit kennengelernt, die war damals Vorsitzende vom ADFC Berlin und das war eine ganz tolle Frau, die mich auch geprägt hat. Da habe ich viel mitgemacht: Ich war bei Fahrraddemos in Berlin, habe die ADFC Radzeit gelesen, habe dann in Greifswald die ersten Fahrraddemos organisiert, den ADFC Greifswald gegründet und am Ende war ich sogar beteiligt an der Gründung des ADFC Mecklenburg-Vorpommern. Was in Berlin die ›Radzeit‹ ist, haben wir in Mecklenburg-Vorpommern ›Plattrad‹ genannt, das habe ich auch mal mitherausgegeben.

Kevin Schön: Was waren denn die Themen, mit denen ihr euch beschäftigt habt?

Chris Lopatta: In Greifswald selbst ging es zum Beispiel um Sachen, die sich heute schon durchgesetzt haben: die Öffnung von Einbahnstraßen in Gegenrichtung, die Markierung von Radspuren auf der Straße oder auch darum, mehr Fahrradbügel aufzustellen. Anfang der 90er Jahre war das echt ein großer Kampf, bei den Behörden und Tiefbauämtern durchzusetzen, dass Fahrradbügel aufgestellt werden, statt der Felgenkiller. Ich bin manchmal sehr frustriert und denke: »Das geht alles so langsam und wir haben nichts geschafft«, aber wenn man sich das mal wirklich bewusst vor Augen führt, dann hat man ja in zwanzig Jahren doch schon viel geschafft. Alle Leute sind sich heute einig, dass Radspuren eine sehr gute Idee sind und viele fordern sogar eine Verkehrsberuhigung, also generell Tempo 30. Und Fahrradbügel sind ja auch überall Standard. Und generell fahren heute viel mehr Menschen mit dem Rad. Ich bin ja in der Nähe vom Alexanderplatz aufgewachsen. Jahrzehntelang stand ich mit meinem Fahrrad alleine an den Ampeln dort. Im seltenen Fall, dass mal ein anderer Radfahrer da war, habe ich den gleich innerlich gegrüßt. Heute würde ich da irre werden, wenn ich jeden Radfahrer am Alex grüßen würde, da sind ja an jeder Kreuzung dutzende. Man bemerkt, dass sich viel geändert hat – und dennoch ist der Autoverkehr noch so dominant im Platzverbrauch, mit seinem Lärm und Gerüchen.

Till Runge: Wie sah die Diskussion in Berlin eigentlich damals aus?

Chris Lopatta: In Berlin wurden natürlich noch ganz andere Themen diskutiert. Die Oberbaumbrücke zum Beispiel war ja zunächst nur ein Übergang für Fußgänger, wurde dann aber auch von Radfahrern genutzt. Der Berliner Senat wollte die dann für den Autoverkehr öffnen und da gab es natürlich von beiden Seiten in Kreuzberg und Friedrichshain starken Widerstand dagegen. Der Senat hat dann einen Kompromiss geschlossen – eigentlich eine richtige Verarschung, die man heute noch sehen kann. Man hat gesagt: Wenn wir die Autos darüber fahren lassen dürfen, dann bauen wir euch später auch eine Straßenbahn nach Kreuzberg. Das ist jetzt viele Jahre her. Die Straßenbahngleise liegen auf der Oberbaumbrücke, aber nicht eine Straßenbahn fährt einen Meter weiter. Das ist immer noch ein Superskandal.
Ich war damals auch nicht nur Mitglied im ADFC, sondern auch im VCD und im FUSS e.V. Ein Mitarbeiter aus dem Abgeordnetenhaus hatte uns Karten besorgt für die Eröffnung der Oberbaumbrücke. Da sind wir dann getarnt hingegangen. Am Rande gab es große Proteste und irgendwie waren dann doch genug Leute durchgesickert, die dann auch auf der Brücke selbst protestiert haben. Ich sah auch damals noch aus wie ein Hippie mit Shell-Parka und langen Haaren und so. Bei der Eröffnung der Brücke habe ich mich extra einmal ordentlich angezogen, damit ich nicht gleich am Anfang so auffalle. Als die Reden gehalten wurden habe ich dann angefangen zu pfeifen und zu buhen und dann wurde ich von Zivilpolizisten festgenommen. Ich hab mich gewehrt und habe gesagt: »Das ist ja wie früher bei der Stasi« und da wurde ich auch angeklagt, ich hätte »Stasi-Sau« gerufen und was weiß ich alles. Das Verfahren wurde dann eingestellt gegen die Zahlung von Tausend Mark, die zum Glück der FUSS e.V. für mich übernommen hat.

Als er gegen die feierliche Öffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr demonstriert, wird Lopatta festgenomen. Foto: Privatarchiv 1995.

Als er gegen die feierliche Eröffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr demonstriert, wird Lopatta festgenomen. Foto: Privatarchiv 1994.

Till Runge: Da war ja ganz schön was los damals. Und welche Aktionen hast du mit dem ADFC in Berlin organisiert?

Chris Lopatta: Im Prenzlauer Berg haben sich ein paar Leute zusammengefunden, um eine ADFC-Gruppe zu gründen, wobei wir uns nicht einfach ›Stadteilgruppe Prenzlauer Berg‹ nennen wollten – wie spießig! Wir haben uns dann die RADikalen genannt, aber da ich dann schon in Greifswald war, konnte ich nicht immer dabei sein. Wir haben Fahrradstreifen mit Farbe auf die Dimitroffstraße – jetzt Danziger Straße – gemalt, also selbstgemachte Fahrradstreifen, die es dort jetzt endlich gibt. Da kam auch die Polizei vorbei, aber es gab keine Anzeige. Aber es gibt noch viel zu tun. Die Mauer ist 25 Jahre weg und dennoch gibt es viele drei- bis vierspurige Straßen im Prenzlauer Berg ohne Radstreifen. Ich habe auch schon ans Bezirksamt geschrieben; mir wurde geantwortet, dass die dran sind, das aber noch abstimmen müssen und es daher noch etwas dauert. Mir geht das nicht schnell genug.

Kevin Schön: Heute engagierst du dich ja viel für deine Leidenschaft Union Berlin…

Chris Lopatta: Ja, und ich habe da noch so einen geheimen Traum: Dass wir Unioner, wenn es mal wieder zum Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC kommt, eine Radsternfahrt zum Olympiastadion organisieren, da kommen meine zwei Leidenschaften zusammen. So wie Hertha spielt, könnte das nächste Saison schon so weit sein.

Till Runge: Vielen Dank für das Gespräch.

Eine Fotosammlung rund um die Proteste rund um die Oberbaumbrücke gibt es hier.

Coverfoto: Robert Agthe / Oberbaumbrücke / flickr / CC-BY 2.0