Das Radfahrverbot von Kalkutta

Seit Mai 2013 ist das Radfahren und die Benutzung anderer nicht-motorisierter Fahrzeuge wie Rikschas und Handkarren auf 174 Straßen in Kalkutta verboten. Wir sprachen mit Ekta Kothari von der Initiative Chakra Satyagraha, welche den Protest gegen das Verbot on- und offline organisiert.
Das jüngste Verbot auf 174 Straßen ist die Steigerung eines bereits seit 2008 bestehenden Verbots auf etwa 30 Straßen. Die Erweiterung kommt einem nahezu flächendeckendem Verbot gleich. Nur wenige und schmale Seitenstraßen, die nicht einmal miteinander verbunden sein müssen, dürfen noch legal befahren werden. Offiziell begründet wird das Verbot mit Stauproblemen. Für den Nobelpreisträger Venkatraman Ramakrishnan ist es aber auch Ausdruck gesellschaftlicher Spaltung, wie er im Telegraph India schreibt. So leben die wohlhabenden Schichten in geschützten, privaten Blasen wie den Gated Communities und vermeiden öffentliche Plätze. Sich dann auch noch im privaten Raum ihres Autos durch die Stadt zu bewegen, passt nur zu gut zu diesem Lebensstil.
Weil der Radverkehr für viele, insbesondere arme Menschen sowie für das Wirtschaftsleben in der Stadt aber von elementarer Bedeutung ist, wird das Verbot bisher kaum eingehalten, berichtet uns Ekta. Jedoch müssen erfasste Verstöße mit einer Strafe von 100-300 Rupien (das entspricht ungefähr 1,20-3,60€) bezahlt werden. Für viele Geschäftstreibende, die ihr Geschäft per Rad erledigen (wie etwa dem Milchmann und der Wasserverkäuferin), entspricht das aber gerade einmal ihrem Tageseinkommen. Das Verbot ist daher eine direkte Bedrohung ihrer Existenz.
Darüberhinaus sei Kulkatta schon jetzt eine der am meisten verschmutzten Städte Indiens, wovon allein die Hälfte durch Verkehr verursacht werde, so berichtet uns die Aktivistin. Ekta geht daher davon aus, dass der Schritt, ausgerechnet den nicht-motorisierten Verkehr zurückzudrängen, Kalkutta in ein paar Jahren praktisch unbewohnbar machen werde.

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Weil sich der verantwortliche Polizeipräsident uneinsichtig zeigt und nicht zu Gesprächen bereit ist, hoffen die Protestierenden nun auf ein Treffen mit der Regierungschefin des Bundesstaates Westbengalen, Mamata Banerjee. An sie richtet sich auch eine Petition auf change.org. Diese fordert neben der Rücknahme des Verbots auch die Einrichtung einer “Non-Motorized Transport Cell”, einer lokalen Expertengruppe, die sich um die Belange nicht-motorisierter Verkehrsteilnehmer kümmern soll. Solche Gruppen wurden in anderen indischen Städten wie beispielsweise Pune bereits eingerichtet.
Das vollständige Interview mit Ekta findet ihr hier:
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Ihr wollt helfen? Zeigt eure Unterstützung für die Rad- und Rikschafahrenden in Kalkutta und unterschreibt die Petition auf change.org. Falls ihr der Initiative direkt helfen wollt, schaut auf ihrer Website vorbei.
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Coverfoto: Chandan Tamang / untitled / flickr / CC-BY-SA 2.0

Kevin Schön

Kevin Schön

Kevin Schön ist Herausgeber des Urbanist Magazins.

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