Gute Verkehrspolitik ist gute Stadtpolitik

Verkehrspolitik ist langweilig? Verkehrspolitik ist in Berlin doch kein wirklich wichtiges Politikfeld? Und dann engagiert ihr euch auch noch nicht mal aus Gründen des Umweltschutzes? Im Ernst: Warum tut ihr überhaupt, was ihr tut? Weil wir wissen: Stadtpolitik ist zu einem guten Teil Verkehrspolitik – und wir lieben gute Städte.

Warum ist Verkehrspolitik so wichtig für Städte?

Die naheliegende Antwort ist: Alle deutschen Städte außer Berlin bestehen zu über 50% aus Verkehrsraum, also Straßen, Bahntrassen und so weiter. Schon allein aus dieser zahlenmäßigen Erwägung sollte man Verkehrspolitik als Stadtpolitik nicht unterschätzen.
Aber Städte bestehen ja nicht nur aus Zahlen, sondern sind von Menschen bewohnt. In einem emphatischen Sinne kann man Stadt als einen Ort verstehen, an dem vieles auf engem Raume zusammentrifft. Es stoßen Subkulturen und Religionen aufeinander, Pizzabäcker und Ingenieure, Alt und Jung, Spießer und Rechtsradikale, Arme und Reiche, und auch Touristen und Obdachlose kommen irgendwie miteinander in Kontakt. Und das Zusammentreffen von Fremden – also das, was Stadtleben von Landleben unterscheidet – findet großteils draußen statt: in der U-Bahn und im Bus, auf der Fahrbahn und dem Gehweg.

Städte sind immer auch Orte des Verkehrs: innerhalb einer Stadt fahren Bewohner zur Arbeit, Schule oder Uni, durchkreuzen Touristen auf der Suche nach Sehenswertem die Stadt, sind Menschen mehr oder weniger mobil. Zwischen Städten als Knotenpunkten eines Netzes fließt Verkehr – Städte bieten etwa mit Bahnhöfen und Flüghäfen die Voraussetzungen dafür.

Diese beiden Punkte, Städte als Orte des Zusammentreffens und Städte als Orte des Verkehrs, stehen in einer Spannung zueinander. Denn wo viele Menschen zusammen kommen, es also eine hohe Dichte gibt und Unmengen gleichzeitig geschieht, wird Verkehr zum komplexen Unterfangen. Dass in der Stadt nur selten der Verkehr komplett zusammenbricht, ist schon eine unglaubliche Leistung. Umgekehrt gilt aber auch: wo viel Verkehr ist (zumindest im herkömmlichen Sinne Autos, Züge, Bahnen etc.), sind Menschen häufig gestresst, etwa weil der Fluglärm nervt, die Straße stinkt oder die nächste Brücke zum Überqueren der Bahnlinie kilometerweit entfernt liegt. Dass das Leben in einer Stadt nicht die Hölle ist, ist nicht selbstverständlich und war auch gewiss nicht immer so.

Verkehrspolitik muss in diesem Spannungsfeld agieren, Städte anziehend gestalten und zugleich mit den verkehrlichen Folgen dieser Anziehung umgehen. Dabei geht es nicht nur um Durchflussmengen und Ampelräumzeiten, also darum, wie der Verkehr in der Stadt möglichst flüssig fließt, sondern darum, wie wir leben wollen, welche Prioritäten wir in einer Stadt setzen, was uns stört und was wir mögen. Das, so glauben wir, ist Grund genug, sich mit urbaner Verkehrspolitik auseinanderzusetzen – als originärem Bestandteil von Stadtpolitik.

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.

Auch interessant

»Boah, so gut will ich es auch mal haben!« Radeln ohne Alter

Calle Overweg macht Dokumentarfilme. Bei der Recherche zu einem Film über Radfahren ist er auf die Kopenhagener Initiative Cykling uden Alder (»Radeln ohne Alter«) gestoßen und will das Konzept nun nach Berlin bringen.

»Der Deal des Senats war: Wir lassen Autos über die Oberbaumbrücke fahren, dafür bauen wir eine Straßenbahn nach Kreuzberg.«

Chris Lopatta hat die 90er Jahre als verkehrspolitisch aktiver Mensch in Berlin erlebt. Er demonstrierte gegen die Öffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr und war Mitgründer der ADFC-Gruppe im Prenzlauer Berg. Die hieß damals »Die RADikalen«.

»Nur Studenten fahren Rad.« Von Vorurteilen und ihrer Widerlegung

Radverkehr wird auch heute häufig noch nicht in seiner vollen Bedeutung ernst genommen. Dabei spielt ein altes Vorurteil eine Rolle. Nämlich die Vorstellung, dass die »arbeitende Bevölkerung« nur mit dem Auto unterwegs sein kann.

Abonniere das Blitzlicht
– unseren Newsletter rund um Stadt und Mobilität

Mit Ihrem Abonnemt erklären Sie sich mit unseren Datenschutzbedingungen einverstanden. Wir verwenden zum Versand des Newsletters den Dienst MailChimp. Indem Sie unten zur Absendung dieses Formulars klicken, bestätigen Sie, dass die von Ihnen angegebenen Informationen an MailChimp zur Verarbeitung in Übereinstimmung mit deren Datenschutzrichtlinien und Bedingungen weitergegeben werden.