»Ihr macht aber schönen Krach«

Wir treffen Fanny und Willi von der Lautsprechermanufaktur Klara Geist in ihrer Werkstatt im Prenzlauer Berg. Feinster Beat durchströmt die Räume und es riecht nach Holz und Lack. Hier entstehen sie: die mobilen Lautsprecher, mit denen die beiden hin und wieder die Berliner Critical Mass mit wohlklingenden Bässen versorgen und deren Sound regelmäßig bei der Karaoke im Mauerpark zum Einsatz kommt. Klara Geist heißt die Lautsprechermanufaktur, die ihre Lautsprecher an Bullitt-Lastenräder anpasst und dieses Gesamtpaket sowohl verkauft als auch verleiht (und Fanny oder Willi als technische Begleitung gleich mit). Willi ist hauptsächlich für die Entwicklung und Produktion der Lautsprecher zuständig, Fanny kümmert sich um alles Administrative, den Verkauf, das Marketing. Gegründet haben die beiden die Firma im Jahr 2005 und heute verkaufen sie ihre Lautsprechersysteme weltweit. Zum Interview mit dem Urbanist Magazin haben sich die beiden gleich bereiterklärt.

Urbanist: Wie kamt ihr dazu, die Idee vom Verkauf mobiler Soundanlagen in die Tat umzusetzen?

Willi: Schon in der DJ-Szene der 90er Jahre und bei den Partys am Mauerpark kam bei uns häufig der Wunsch auf, eine portable Soundanlage zu erschaffen, mit der DJs ihre neuen Tapes einem Publikum direkt vorführen könnten. Doch leider gab es damals noch nichts Portables. Die technischen Voraussetzungen haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert, Speichersysteme wurden besser.
Auch in der Lastenradentwicklung hat sich einiges getan: zwar gibt es die zweirädrige Lastenradform (den Longjohn) schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts, doch wir haben lange nach einem geeigneten Anbieter gesucht. Unsere Firma haben wir 2005 gegründet, aber erst 2008 hat sich die Firma ‘Larry vs. Harry’ gegründet und da wussten wir gleich, dass wir mit denen zusammenarbeiten wollen.

Fanny: Unsere ‘Kunst’ besteht darin leistungsstarke, aber sehr kompakte Soundsysteme, mit verhältnismäßig geringem Gewicht, auf 2-Spurer zu bringen. Bei einem Dreirad spielen diese
Faktoren keine große Rolle, da diese Räder nicht groß ausbalanciert werden müssen. Eher durch Zufall haben wir von den Bullitts gehört und im Frühjahr 2009 gings dann bei uns richtig los – und heute sind wir offizielle Soundausstatter der Firma ‘Larry vs. Harry’.

Urbanist: Wer sind eure Kunden?

Fanny: Unsere Kunden kommen von querbeet: Agenturen; DJs und Musiker, die Partys im Freien organisieren oder privat unterwegs sind; viele Firmenkunden, die unsere Anlagen aus Werbegründen oder für Veranstaltungen nutzen; auch ein Politiker aus der Karibik hat unsere Soundräder für seinen Wahlkampf genutzt, und er hat sogar gewonnen! Man kann bei uns entweder die Bullitts mit Soundanlagen kaufen oder mieten. Dann kommen wir mit und kümmern uns um den Ton.

Urbanist: Fahrt ihr auch privat mit den Rädern?

Willi: Wir fahren privat auch nur noch mit den Bullitts. Normale Räder wollen wir kaum noch fahren. Man fühlt sich auch einfach sicherer mit so einem Lastenrad. Autotüren sind ein Stück weiter weg und man hat ja auch mehr Gewicht mit dem Lastenrad. Manchmal fahren wir aber auch mit dem Auto, aber ein eigenes haben wir nicht. Beruflich versuchen wir auch fast alle Transporte mit dem Lastenrad zu machen, soweit das eben geht.

Urbanist: Wie reagieren Leute auf euch und eure Soundanlagen?

Willi: Eigentlich reagieren fast alle positiv auf uns. Einige wenige sind mit der Situation überfordert, insbesondere wenn wir mit Musik fahren. Die denken sich dann „Jetzt kommt da jemand mit Musik auf dem Fahrrad – und das klingt auch noch gut.“ Damit kommen manche nicht klar.

Fanny: Durch das Fahren mit dem Lastenrad halten Autos einen anderen Abstand – die Ladefläche ist breiter als die Körperfläche. Mit der Anlage vorne drauf sorgt die Lautstärke für Aufmerksamkeit. Respekt würde ich es nicht nennen, aber der eigene Raum auf der Straße wird größer.

Willi: Viele Menschen hinterfragen den normalen Lärm in der Stadt nicht, aber auf gute Musik reagieren sie. Manche beschweren sich auch, aber die meisten reagieren positiv.

Fanny: Mit der Polizei haben wir eigentlich auch nie Probleme. Wir haben auch dort mal nachgefragt und uns wurde bestätigt, dass es erst mal nicht verboten sei, mit einem Lastenrad mit Anlage zu fahren – vorausgesetzt, das Rad ist verkehrssicher. Wir werden dann eben so behandelt wie Cabrios, die dürfen ja ihre Musik auch aufdrehen.

Urbanist: Kann das Lastenrad das Auto ablösen?

Willi: Warum sollte es das überhaupt? Ich wünsche mir keine Monotonie der Verkehrsmittel. Wir sind ja nicht in der DDR, da gab es lange genug Monotonie, nun leben wir im Pluralismus und das ist auch gut so. Friedliches Zusammenleben und Toleranz gegenüber anderen ist doch besser als Krieg mit Autofahrern.

Fanny: Autofahrer haben natürlich gerade in der Autonation Deutschland eine große Lobby. Kopenhagener oder niederländische Verhältnisse wären natürlich wünschenswert. Wir wollen aber niemanden missionieren und können uns auch mal an den technischen Feinheiten eines schönen Autos erfreuen, ohne gleich an die Nachteile zu denken. Man merkt aber auch, dass gerade bei den Jüngeren schon ein gewisses Umdenken vorhanden ist. Mit 18 war mir klar: da macht man den Führerschein und mit etwas Glück gibt’s dann auch von den Eltern das erste Kleinauto. Auf dem Dorf war das Standard. Bei den heutigen 18-Jährigen steht das Auto oder der Führerschein nicht mehr so im Mittelpunkt wie damals bei uns. Es gibt heute alternative Wege, den Alltag mit und ohne Auto zu meistern, ohne eins besitzen zu müssen.

Willi: Aber vielleicht gibt’s da auch heute noch den Unterschied zwischen Stadt und Land.

Fanny: Ja, stimmt. Aber anstatt das Auto komplett abzulösen ist doch vielmehr eher die Frage, wie man sinnig mit Ressourcen umgehen kann. Welchen Nutzen habe ich mit welchem Aufwand? Und da kommt das eigene Auto eher schlecht weg: es steht viel rum und kostet auch dann Geld. Das Fahrrad kostet nichts, wenn es steht.

Willi: Wenn ein Auto voll besetzt ist, macht es teilweise auch Sinn. Aber wenn es bei fünfzehn Autos vierzehn Fahrer gibt, dann ist das traurig. Es gibt aber auch Berufsgruppen – bestimmte Handwerker zum Beispiel – da kannst du nicht mit dem Lastenrad kommen. Einige Handwerker nutzen es zwar bereits, manche Schornsteinfeger zum Beispiel. Es muss aber eben auch Sinn machen und ins Firmenkonzept passen. Viele könnten aber umsteigen aufs Rad.

Urbanist: Was ist euer Wunsch für die Zukunft?

Fanny: Leider kaufen heute noch die wenigsten jungen Leute Lastenräder statt Autos, was aber auch daran liegt, dass so ein Lastenrad für ein Fahrrad relativ teuer ist. Da muss es unbedingt ein Umdenken der Banken geben: Kredite für Lastenräder sind noch nicht weit verbreitet. Es muss unbedingt besser finanzierbar sein; die Voraussetzungen für junge Leute sollten deutlich verbessert werden. Darüber hinaus brauchen wir in Berlin breitere Radwege! Radfahren in Berlin muss generell sicherer werden. Unser Ziel ist es, guten Sound vorzuführen. Wir glauben daran, dass Menschen den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Sound hören. Unser Wunsch ist es, den Menschen eine neue Klangkultur nahezulegen. Früher gab es Musikzimmer, diese Kultur ist heute größtenteils verloren gegangen. Wir möchten Menschen wieder mehr für guten Sound sensibilisieren. Neulich kam eine ältere Frau zu mir und meinte: „Ach, ihr macht aber so schönen Krach“. Sie konnte es nicht richtig in Worte fassen, aber emotional hat sie gleich gemerkt, dass sich da was ziemlich gut anhört.

Willi: Außerdem wünschen wir uns, dass diese „Geiz ist geil“-Mentalität wieder etwas zurückgeht. Dass man für Gutes auch etwas bezahlen muss, diese Einstellung ist vielen Menschen fremd. Aber es kostet eben und auch wir müssen von etwas leben. Es geht aber voran und wir wachsen langsam aber sicher.
Coverfoto: Photo by Crumpler, alle Rechte vorbehalten

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.

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