Mit dem Flugzeug ab Bahnhof Zoo. Eine Verkehrsvision der Berliner Nachkriegszeit.

Am Bahnhof Zoo lässt sich heute noch erahnen, wie das ehemalige Zentrum Westberlins einmal ausgesehen haben muss. Wer selten in diesem Teil der Stadt ist, der hat das Gefühl, sich in einer ganz anderen Welt wiederzufinden. Auch wenn die Menschenmassen einen vorantreiben, so lohnt es, einen Moment innezuhalten und das urbane Schauspiel zu beobachten. Obdachlose neben Fotografieinteressierten, Studentinnen neben Shoppingsüchtigen, Currywurstverkäuferinnen neben Pelzmantelträgern. Hier trifft man sie alle. Geschichte wurde hier gemacht, Studenten protestierten 1968 vor dem Amerika-Haus (dem heutigen c/o Berlin) gegen den Vietnamkrieg und der Bahnhof Zoo wurde in den 1970ern und 80ern zum Zentrum der Berliner Drogenszene. Hier zeigt sich Berlin von einer seiner vielfältigsten, dunkelsten, hektischsten und großstädtischsten Seiten.

Zoologischer Garten Berlin

Doch was wir heute als Gegend um den Bahnhof Zoo kennen, ist noch relativ jung. Im Jahr 1947, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, war das Gebiet rund um den Bahnhof Zoo großflächig zerstört und unbelebbar. Deshalb schrieb der Magistrat von Groß-Berlin und die Arbeitsgemeinschaft »Wiederaufbau für die West-Berliner City 1948« 1947 den Wettbewerb »Rund um den Zoo» aus. Die Resonanz war groß, über 100 Entwürfe wurden eingereicht. Gewonnen haben den Preis in Höhe von 30.000 Reichsmark zwei Architekten, die der klassischen Moderne verpflichtet waren. Viel spannender als die Entwürfe der Gewinner ist in diesem Fall jedoch ein Entwurf, der nicht umgesetzt wurde.

Sergius Ruegenberg (1903-96) war Architekt in den Büros von Mies van der Rohe und Hans Scharoun. Sein Entwurf »Non-Stop-Flughafen« gewann zwar keinen Preis im Wettbewerb, wurde dafür aber in der Öffentlichkeit und Fachwelt heiß diskutiert. Ruegenberg galt als Spezialist für »Flughäfen der kurzen Wege«. In diesem Sinne sollte auch dieser direkt an den Bahnhof Zoo angeschlossen werden, damit Fahrgäste ohne Umschweife vom Zug direkt ins Flugzeug gelangen konnten. Das Besondere an der Vision war, dass die Lande- und Startbahnen Schienen und Straßen unterqueren sollten, sodass der Flughafen nicht wie andere Flughäfen riesige Flächen beanspruchte. Über Hochstraßen sollten die Flugzeuge bequem bestiegen werden können.

Auch Ruegenbergs Idee vom Fliegen bzw. vor allem vom Landen unterschied sich vom bisher Dagewesenen. Flugzeuge, die auf seinem Flughafen landen sollten, sollten nur kurz auf dem Boden aufsetzen und gleich wieder abheben. Flugzeuge verglich der Architekt mit Vögeln auf der Suche nach Nahrung: Auch diese sind auf dem Boden nicht in ihrem Element und berühren ihn nur kurz.

»Wie bei den vom Vogel hinterlassenen Spuren des Anflugs und Abflugs, so sind es auch nur diese beiden Bahnen, die wir brauchen, um gerade auf der Mitte den richtigen Punkt und den richtigen Augenblick des Rastens oder Stillstehens mit allem, was dazu gehört, auszubilden.« (S. Ruegenberg in: Neue Bauwelt, H. 5, 1949)

Ruegenberg ging davon aus, dass die Befürfnisse der modernen Stadt nicht durch Straßen und Schienen allein befriedigt werden könnten, sondern dass dafür der Ausbau des Luftverkehrs voranzutreiben sei.

Sein Entwurf gewann weder einen Preis, noch wurde eine Umsetzung auch nur in Betracht gezogen. Dennoch reflektiert er den damaligen Zeitgeist: Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Berlin großteils in Trümmern lag, war in architektonischer Sicht ein Neuanfang vorstellbar. Wohingegen in den meisten Zeiten städtische Architektur auf Entscheidungen fußt, die in der Vergangenheit getroffen wurden und die nur langsam zu verändern sind, bestand damals die Möglichkeit, visionäre Projekte zu denken und umzusetzen. Dass es überhaupt möglich schien, einen Flughafen mitten in die Stadt zu bauen, das ist heute undenkbar. Und auch wenn der Flughafen nicht gebaut wurde, so galt der Entwurf doch als Vorbild für spätere Projekte, etwa den realisierten »Flughafen der kurzen Wege« Berlin-Tegel.

Coverfoto: Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Foto im Beitrag: gerrit.photography / This party ain’t for everyone… / Flickr / CC BY 2.0

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.

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