»Nur Studenten fahren Rad.« Von Vorurteilen und ihrer Widerlegung

Radverkehr wird auch heute häufig noch nicht in seiner vollen Bedeutung ernst genommen. Anders als in New York, Paris, London, Rom gibt es in der deutschen Hauptstadt noch keinen Bürgermeister, der dem Thema Radfahren in der Stadt die notwendige Aufmerksamkeit widmet. Nur in wenigen deutschen Städten sieht es besser aus.

Dabei spielt ein altes Vorurteil eine Rolle. Nämlich die Vorstellung, dass die »arbeitende Bevölkerung« nur mit dem Auto unterwegs sein kann. Margaret Thatcher soll dies in ihrer bekannt »sympathischen« Art auf den Punkt gebracht haben: »A man who, beyond the age of 26, finds himself on a bus can count himself as a failure.« Wer Bus und Bahn – oder gar das Fahrrad – nimmt, der mache dies nur, weil er arm, alt oder arbeitslos sei.

Ähnlich kann man auch Berlins Bürgermeister Müller verstehen, wenn er den Ausbau von Autobahnen mit dem Argument verteidigt, man könne nicht alles mit der »Bimmelbahn« herumfahren. Bimmelbahnen, das sind diese langsamen Tucker-Züge für Sonntagsausflüge im Park und damit keine ernstzunehmenden, »leistungsstarken« Verkehrsmittel. Wer wichtigen Beschäftigungen nachgeht, der, so der Umkehrschluss, brauche ein Auto.

Radfahren, so hört man oft, das tun doch nur die armen Studenten. Auch hier herrscht die Vorstellung vor, dass »richtig arbeitende« Teile der Bevölkerung das Rad selten benutzen. Wer Rad fährt, der hat doch zu viel Zeit und zu wenig Geld. Dieses Vorurteil wird seitens einiger Umweltaktivisten sogar noch befördert, indem man den Radverkehr mit Entschleunigung gleichsetzt.
Ein typischer Fehler im Kampf gegen Vorurteile, ist der Versuch, diese mit Statistiken zu widerlegen. Das funktioniert nicht. Denn Menschen lassen sich von Zahlen nur schwer beeindrucken. Zwanzig Prozent aller Wege, die in Kreuzberg mit dem Rad zurückgelegt werden, können kaum alleine von den Studenten (ca. 5% der Berliner Bevölkerung) zu schaffen sein.

Was im Gedächtnis bleibt, sind Geschichten und Persönlichkeiten. Leider fallen einem spontan selten gute Beispiele ein. Nachfolgend daher drei Berliner Persönlichkeiten, die auch Thatcher sicher nicht als »Failure« verstanden hätte, und die auf dem Rad unterwegs sind.

Tim Renner
Der ehemalige Geschäftsführer der Universal Music Deutschland und heutige Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in Berlin beschwert sich über mangelnde Radabstellmöglichkeiten vor dem Kanzelamt. Anstatt mit der Limousine fährt er mit dem Fahrrad zur Senatskanzlei.

Marcel Fratzscher
Der »Wirtschaftsweise«, Präsident des einflussreichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen der Humboldt-Universität zu Berlin, fährt täglich mit dem Fahrrad ins Büro. Vielleicht hat sein medienwirksamer Ruf nach mehr Investitionen in Deutschland auch mit dem Zustand der Berliner Radwege zu tun?

Katrin Suder
Die ehemalige McKinsey-Managerin ist heute Staatssekretärin im Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen. Dort ist sie zuständig für die Rüstungsbeschaffung. Sie kauft Panzer und ist häufig mit dem Lastenrad in Kreuzberg unterwegs.


Foto: Steven Vance / Man in Divvy suit / Flickr / CC BY 2.0

Till Runge

Till Runge

Till Runge ist Herausgeber des Urbanist Magazins.

Auch interessant

»Boah, so gut will ich es auch mal haben!« Radeln ohne Alter

Calle Overweg macht Dokumentarfilme. Bei der Recherche zu einem Film über Radfahren ist er auf die Kopenhagener Initiative Cykling uden Alder (»Radeln ohne Alter«) gestoßen und will das Konzept nun nach Berlin bringen.

»Der Deal des Senats war: Wir lassen Autos über die Oberbaumbrücke fahren, dafür bauen wir eine Straßenbahn nach Kreuzberg.«

Chris Lopatta hat die 90er Jahre als verkehrspolitisch aktiver Mensch in Berlin erlebt. Er demonstrierte gegen die Öffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr und war Mitgründer der ADFC-Gruppe im Prenzlauer Berg. Die hieß damals »Die RADikalen«.

»What you are is what you get«

Die DHL nutzt in Amsterdam Lastenräder, in Venedig Boote und parkt in Berlin Radfahrstreifen zu.

Abonniere das Blitzlicht
– unseren Newsletter rund um Stadt und Mobilität

Mit Ihrem Abonnemt erklären Sie sich mit unseren Datenschutzbedingungen einverstanden. Wir verwenden zum Versand des Newsletters den Dienst MailChimp. Indem Sie unten zur Absendung dieses Formulars klicken, bestätigen Sie, dass die von Ihnen angegebenen Informationen an MailChimp zur Verarbeitung in Übereinstimmung mit deren Datenschutzrichtlinien und Bedingungen weitergegeben werden.