Radverkehr und Gentrifizierung

Warum dieser Artikel?
Gentrifizierung wird derzeit in Berlin und anderswo vielfach diskutiert. Da wir uns aktiv an der Stadtpolitik beteiligen wollen, indem wir den Radverkehr propagieren und Bedingungen fordern, die diesem zu Gute kommen, haben wir uns entschlossen, unsere Gedanken zu diesem Thema in einem Blogartikel zu veröffentlichen.
Was meint Gentrifizierung eigentlich?
Der Begriff wird häufig sehr schwammig für jegliche Art von Veränderung eines Viertels benutzt, was aber dem Konzept nicht gerecht wird, denn nicht jede Veränderung ist Gentrifizierung. Im Kern wird mit Gentrifizierung eine bestimmte sozioökonomische Veränderung der Bewohnerschaft eines Bezirks bezeichnet, die meist wie folgt abläuft: ein Viertel hat einen ‘schlechten Ruf’, eine arme Bevölkerung, hohe Kriminalitätsraten usw., was sich auch in den Mietpreisen widerspiegelt: diese sind sehr gering. Künstler und Studenten, zwei Gruppen mit wenig Geld und wenig Angst, aber einem oftmals abweichenden Verhalten – langem Schlafen, Drogen, einer Vorliebe für laute Musik und extrovertierter Kleidung – ziehen in diese Viertel, da es dort günstigen Wohnraum oder sogar Leerstand gibt und ihr Verhalten toleriert wird. Soweit, so unproblematisch. Doch dann verändert sich das Viertel durch die neuen Bewohner: es gibt nun Bars und Clubs, angesagte Parties und Vernissagen finden dort statt. Dadurch werden auch Menschen angezogen, die dort niemals hinziehen würden, aber gerne auf aufregende Veranstaltungen gehen. Das Viertel wird generell beliebter: mehr und mehr neue Studenten und Künstler trauen sich dort hin und auch als Wohngegend wird das Viertel angesagter. Irgendwann ist es so beliebt, dass es zu wenig Wohnraum für die Interessierten gibt und die Mieten zu steigen beginnen. Nun ziehen also auch Menschen hier hin, die anfangs nicht hier wohnen wollten, die das Viertel aber nun ‘aufregend’ finden.
Die bisherigen Bewohner, aber auch die erste Welle der Zugezogenen (Künstler und Studenten), fangen an, sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten zu können und ziehen aus. Aber das sorgt nicht dafür, dass dieser Veränderungsprozess aufhören würde; im Gegenteil kann er gerade durch diese Wegzüge an Stärke gewinnen. Denn nun ist das Viertel zwar nicht mehr so aufregend wie einige Zeit zuvor, aber das wäre den nun zuziehenden Besserverdienenden, auch Yuppies (=Young Urban Professionals) genannt, sowieso zu anstrengend. Die Geschäfte verändern sich mit den Bewohnern, statt der Kneipe am Eck und einigen wenigen Underground-Lokalitäten gibt es dort nun Biosupermärkte und Kindergeschäfte. Dieser Prozess läuft weiter und nach einiger Zeit wird aus dem stigmatisierten Außenseiter-Viertel ein Gutverdiener-Viertel mit hohen Mieten und nahezu komplett veränderter Bewohnerschaft. So eine knappe Beschreibung dessen, was man unter Gentrifizierung versteht.
Wie kommt Gentrifizierung zustande?
Nun, darauf gibt es verschiedene Antworten. Der Prozess kann relativ zufällig beginnen. Eigentlich reicht es, wenn mehr Leute in eine Stadt ziehen, als diese Wohnraum besitzt oder baut. Die Knappheit der Wohnungen und die damit verbundenen hohen Mieten sorgen dafür, dass Künstler und Studenten in Viertel mit schlechtem Ruf ziehen. In einigen Fällen geschieht nun das, was oben als Gentrifizierung beschrieben wurde.
Vielerorts wird versucht, Gentrifizierungsprozesse bewusst ins Rollen zu bringen: etwa von Hausbesitzern, die höhere Mieteinnahmen erzielen wollen oder von Städten, die ihre Armutsbezirke verändern möchten. So wird etwa kostenloser Galerieraum zur Verfügung gestellt, um gezielt Künstler und Studenten in Vierteln mit schlechtem Ruf anzusiedeln. Auch die gezielte Sanierung einiger Gebäude oder der Bau von Hochschulen (z.B. der Popakademie im Mannheimer Jungbusch) und ähnlichen Einrichtungen kann als Versuch gewertet werden, die Gentrifizierung in einem Viertel voranzutreiben. Aber auch andere Veränderungen, etwa die Schließung eines Flughafens, der durch seinen Lärm gewisse Viertel bisher unattraktiv gemacht hat, kann der Ausgangspunkt von Gentrifizierungsprozessen sein.

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Ist Gentrifizierung per se schlecht?
Nun, dass kommt ganz darauf an, was unter Gentrifizierung genau verstanden wird. Vorsichtig formuliert, herrschen in den anfänglichen Vierteln mit dem schlechten Ruf Bedingungen, die nicht unbedingt wünschenswert sind: schlechte Wohnqualität, hohe Kriminalitätsraten, schlechte Schulen inklusive niedriger Bildungschancen, ethnische Segregation, gesellschaftliche Stigmatisierung der Bewohnerschaft und generell geringe Aufstiegs- und Lebenschancen. Das zu erhalten, sollte nicht das Ziel sein.
Auf der anderen Seite ist den Bewohnern natürlich nicht geholfen, wenn das Viertel diese Mängel abstellt, sie aber aus finanziellen Gründen in andere Viertel umziehen müssen, in denen sich all diese Probleme wiederholen. Doch das passiert leider häufig. Wohnungen werden renoviert, Schulen verbessert, doch die ansteigenden Preise können sich die Bewohner und die anfangs zugezogenen Künstler und Studenten nicht mehr leisten.
Erstrebenswert ist hingegen, diese Viertel – genauso übrigens wie alle anderen Viertel – zu durchmischen und dadurch die Lebenschancen aller Bewohner zu erhöhen. Wenn dadurch die Mieten steigen, ist das solange ein geringes Problem, wie auch das Einkommen der Bewohner steigt, etwa weil die erhöhte Kaufkraft der zugezogenen Bewohner auch höhere Einkommen für Ladenbesitzer bedeuten. Aber ein solcher Zustand ist recht schwer zu erreichen, in der Realität kommt es oft zu erzwungenen Umzügen.
Was hat Radverkehr damit zu tun?
Wie oben beschrieben, kann jede Veränderung, welche die Attraktivität des Viertels für gewisse Menschen erhöht, zu Gentrifizierung führen. Selbstverständlich gehören dazu auch Dinge wie die Schließung lauter Straßen, der Bau von Rad- und Zebrastreifen, die Umwidmung von Parkplätzen in Parks oder Fahrradstellplätze. Denn diese Dinge erhöhen die Lebensqualität und sorgen folglich dafür, dass Menschen gerne in diese Viertel ziehen.
Hmm…das ist ja blöd, oder?
Naja, zuerst muss man sich vor Augen führen, dass Menschen und besonders Kinder in Vierteln mit schlechtem Ruf häufiger unter Verkehrslärm, Abgasen und unsicheren Schulwegen leiden. Sie können sich oft nicht aussuchen, wo sie wohnen (etwa nicht in der ruhigen Seitenstraße), oder wie sie zur Schule oder Arbeit kommen (etwa nicht mit dem SUV, sondern zu Fuß oder per Rad). Für sie sind also Verbesserungen der Verkehrssituation absolut notwendig. Eine fahrradfreundlichere Umgebung macht alle Viertel für alle Bewohner besser und angenehmer! Dabei sollte sich eine Veränderung natürlich nicht auf ein einziges Viertel beschränken, ansonsten führt es dazu, dass ärmere Menschen in fahrradunfreundlichen Umgebungen leben müssen.

Fahrradfahren steigert das Selbstbewusstsein und die soziale Mobilität!

Doch das Fahrrad (und etwas abgeschwächt auch der ÖPNV) hat auch noch einen weiteren großen Vorteil: es ist umsonst zu nutzen und recht günstig in der Anschaffung, vor allem, wenn man es mit einem Auto vergleicht. Das heißt, gerade Menschen mit wenig Geld können es sich leisten. Hinzukommt, dass jeder es benutzen darf, ohne einen Führerschein zu besitzen. Es ist recht leicht zu bedienen. Gerade für Kinder, Jugendliche, aber auch Frauen und Männer ohne das Geld, den Wunsch oder die Möglichkeit, einen Führerschein zu machen und sich ein Auto zu kaufen, haben einen Nutzen von einer besseren Radinfrastruktur. Zum einen aktiv: sie können sie nutzen, um ihren Bewegungsradius enorm zu erweitern. Fahrradfahren ermöglicht sozial isolierten oder benachteiligten Menschen, neue Wege zu erkunden, neue Möglichkeiten kennenzulernen, neue Berufe zu ergreifen, sich zu bilden oder zu engagieren. Fahrradfahren steigert das Selbstbewusstsein und die soziale Mobilität!
Zum anderen nutzt eine bessere Radinfrastruktur Menschen mit wenig Geld auch passiv: sie sind (wie oben bereits angesprochen) die Hauptbetroffenen von Belastungen des Straßenverkehrs durch Lärm, Abgase, Unfälle. Wenn mehr Menschen das Fahrrad statt das Auto benutzen, dann verringern sich diese Gefahren und Stressfaktoren des Autoverkehrs für alle, besonders aber für arme Menschen, die sich ihren Wohnort oft nicht aussuchen können.

Es kann doch nicht sein, dass gerade diejenigen, die wenig Geld haben, durch schlechte Infrastruktur am Radfahren gehindert werden.

Leider sind jedoch gerade in Gebieten mit ärmerer oder sozial stigmatisierter Bevölkerung die Bedingungen für den Radverkehr oftmals am schlechtesten und die Belastungen des Autoverkehrs am höchsten. Verbesserungen sollten nicht abstrakt als Gentrifizierung abgetan werden, sondern man muss in jedem Fall genauer hinsehen. Umgekehrt sollten Verbesserungen nicht nur dort stattfinden, wo eine sich gut repräsentierende Mittelschicht wohnt, sondern gerade auch in benachteiligten Gebieten. Es kann doch nicht sein, dass gerade diejenigen, die wenig Geld haben, durch schlechte Infrastruktur am Radfahren gehindert werden. Gerade in benachteiligten Vierteln sollte in Radverkehrsinfrastruktur investiert werden, da dort der Nutzen für die Bewohner sehr hoch ist. Auch deshalb treten wir für das Radfahren ein.
Anmerkung zu unserer Motivation: Kontext war der folgende Artikel des Tagesspiegels, in welchem die geplanten Verbesserungen für Radfahrer am Kottbusser Tor mit den Worten abgetan wurden, dass Türken kaum Fahrrad fahren und damit von den Verbesserungen nicht profitieren würden. Wir betrachten eine solche Argumentationslinie als zu kurz gegriffen.
Das ändert jedoch nichts daran, dass Gentrifizierung ein Problem darstellt; eine Lösung können wir leider nicht bieten.
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Foto: Sugar Ray Banister / Schicker solles werden / Flickr / CC BY 2.0

Kevin Schön

Kevin Schön

Kevin Schön ist Herausgeber des Urbanist Magazins.

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