Stadt – Verkehr – Ästhetik

Elegant komponiert reihen sich die Häuser um diesen Platz. Vor ihnen herrscht reges, aber geordnetes Treiben. Wie durch Adern fließen in kleinen Wellen Verkehrsströme in den Kreislauf des Platzes hinein und wieder hinaus. Bei Dunkelheit kontrastieren sich die bunten, unbewegten Beleuchtungen der Häuser mit den kreisförmigen, bewegten Lichtern der Fahrzeuge. Der Ernst-Reuter-Platz ist so schön – vorausgesetzt, man ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die sinnliche Wahrnehmung und die vermittelte Erfahrung eines jeden Objekts ist abhängig von der Perspektive, die wir zu ihm einnehmen – und das in einem ganz physikalischen Sinne. Erst nachdem wir einige Schritte Abstand von den impressionistischen Werken Monets nehmen, erkennen wir in der Vielzahl der Punkte und Striche die Formen und Figuren des Bildes. Doch was, wenn wir nicht der distanzierte Betrachter sind? Was, wenn wir eigentlich Teil des Bildes sind? Statt zwischen Seerosen befinden wir uns dann inmitten matschiger Punkte und sinnfreier Striche. Der Ernst-Reuter-Platz vermittelt ein solches Erlebnis – zumindest, wenn man sich mitten drin befindet. Schnell macht sich hier das Gefühl breit, einfach nur schnell wieder weg zu wollen. Nur selten können wir dort ein ‘paar Schritte’ Abstand nehmen, um das Gesamtkunstwerk dieses Ortes zu bestaunen. Manche Orte in der Stadt sind jedoch nur aus der Distanz ästhetisch ansprechend.

Wer sich mitten rein wagt, in die Stadt eintaucht, sie nicht aus der Distanz, sondern von der Straße aus erlebt, der kann und muss je nach Verkehrsmittel verschiedene Perspektiven einnehmen. Häufig stand und steht dabei in der Verkehrsplanung das Fahrerlebnis der Autofahrenden im Vordergrund. Die Autofahrt zum Flughafen Tegel ist hier beispielhaft: So senkt sich die Fahrbahn zunächst leicht ab, wenn wir den Tunnel mit dem Auto kurz vor dem Gebäude passieren. Hinter dem Tunnel erheben wir uns gemeinsam mit der Fahrbahn wieder, was dazu führt, dass auch das Flughafengebäude langsam vor dem Auge des Betrachters ‘auftaucht’ – wie das lang ersehnte Festland, das am Horizont auftaucht, erhebt sich das einem riesigen Flugzeug nachempfundene Bauwerk. Es ist eine ganz und gar für die Perspektive des Autofahrenden geplante Erfahrung.

Flughafen Tegel

Doch auch bei weniger anspruchsvollen Planungen als dem Flughafen Tegel bekommen Autofahrende meistens die Logenplätze der Straße zugewiesen: die Mitte. Dort, in der Mitte der Fahrbahn, erleben die Fahrerinnen die Fassaden der Häuser, die an Ihnen vorbeiziehen; sie erfahren die Kurven und Geraden der Strecke; sie haben oftmals einen klaren Blick auf den Horizont. Ja, in der Mitte ist es in der Regel am schönsten. Man muss nicht wie Fußgänger den Kopf verrenken, will man Gebäude in ihrer Gesamtheit wahrnehmen. Man muss auch nicht wie als Fahrradfahrerinnen den ständigen Autotüren ausweichen, sondern kann sich entspannt zurücklehnen und die Stadt in ihrer vollen Blüte genießen.

Schlossstraße

Selten finden wir Fußwege in der Mitte der Straße. Dort, wo es sie gibt, wird das Gehen zu einer besonderen Erfahrung: Flanierend kann man alle Eindrücke aufnehmen, das ganze urbane Kunstwerk in Augenschein nehmen. Wie auf dem Fußweg zum Schloss Charlottenburg, das von der Schlossstraße gesehen stets im Blick bleibt. Und ist es nicht auch eine feine Sache, die Hermannstraße oder die Oranienstraße aus der Straßenmitte zu erfahren, wenn man dort mit dem Rad unterwegs ist und einen gerade kein Auto an den Fahrbahnrand drängt?

Hermannstraße

Coverfoto: Ludger Heide / Ernst-Reuter-Platz at Dusk / Flickr / CC-BY-SA 2.0

Kevin Schön

Kevin Schön

Kevin Schön ist Herausgeber des Urbanist Magazins.

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