Städte. Mehr als große Dörfer. Zum Unterschied von Stadt und Dorf

Jedes Kind weiß, dass sich eine Stadt von einem Dorf dadurch unterscheidet, dass in einer Stadt mehr Menschen leben als in einem Dorf. Aber ist damit schon alles über die Differenz zwischen Stadt und Land gesagt? Nein. Denn aus der quantitativen Differenz ergibt sich auch ein qualitativer Unterschied.

Schauen wir uns etwa einmal die Berufe und Tätigkeiten an, denen die Menschen auf dem Land und in Städten nachgehen. Auf dem Dorf gibt es etwa einen Friseur – doch anstatt nur Haare zu schneiden, bietet er zugleich auch Maniküre an. In der Stadt hingegen erleben wir eine arbeitsteilige Differenzierung: Es existieren sowohl Friseure, als auch Nagelstudios. Aber auch Friseur bleibt nicht gleich Friseur. Einige suchen sich eine Nische, spezialisieren sich etwa auf Kinder, sind besonders günstig oder teuer, schenken Sekt aus, sprechen Französisch oder machen Hausbesuche. Es entstehen Spezialisten, etwa für Bartrasuren, Haarefärben, Irokesenschnitt. All das setzt allerdings voraus, dass es in der jeweiligen Nische genügend Kunden gibt, was in der Stadt der Fall ist.

Die Dichte der Menschen in der Stadt ermöglicht also Differenzierung. Gleichzeitig erzwingt sie diese aber auch. Während es auf dem Dorf etwa einen Bürgermeister je hundert Einwohner gibt, ist das in der Großstadt nur jeder Millionste Einwohner, letzterer kann dann aber auch finanziell davon leben. Ähnlich, wenn auch nicht so krass, wird es bei der Feuerwehr und bei Bäckern aussehen. Ein Feuerwehrmann trägt in Städten für mehr Menschen Verantwortung, ein Bäcker versorgt normalerweise mehr Menschen mit seinen Brötchen. Was tun die anderen Menschen, die nun nicht Bäcker oder Feuerwehrmann werden? Sie haben die Möglichkeit und auch den Zwang, andere Dinge zu tun. Sie können beispielsweise Soziologie studieren oder Opernsänger werden, ein Internetunternehmen gründen oder U-Bahnen fahren oder doch Touristen um ihre Geldbeutel erleichtern; alles Dinge, die selten auf dem Land möglich sind. Da es relativ zur Einwohnerzahl weniger „normale“ Berufe gibt, muss man sich eben „außergewöhnliche“ suchen. Das ist stressig und großartig zugleich.

Das heißt auch, was in einer Stadt als normal gilt (etwa Internetunternehmer und Soziologen), ist im Dorf wahrscheinlich schon außergewöhnlich: auf dem Land reicht es, ein Tattoo zu haben, um aufzufallen. Dagegen muss man in der Großstadt schon grüne Haare dazu tragen, um ein bisschen aufzufallen. Will man in die Zeitung kommen, muss man bei Olympia gewinnen, während man auf dem Dorf mit einem Besuch der Olympiade in Russland in die Zeitung kommen kann. Reicht auf dem Land das Verprügeln eines Jugendlichen, um ins Gerede zu kommen, muss man in der Großstadt schon einen Mord begehen, am besten mit ungewöhnlichen Instrumenten. Auch neue Formen des Zusammenlebens entstehen oft in der Stadt, während das Land eher an traditionellen Formen dessen festhält.

Großstädte verstärken also die Extreme, im positiven wie im negativen, in der Mode wie im Verkehrsverhalten. Städte machen also „mobil”, indem sie Beschränkungen aufheben. Fast alle Neuheiten entstehen in Städten, unsere neuen Probleme, aber auch unsere neuen Problemlösungen. Denn Städte „befreien” uns von der Last und dem Schutz der Tradition und produzieren damit all die Probleme, die wir alle Jahre wieder in den Zeitungen lesen: von der hohen Zahl an Scheidungen, über den Verfall des Gemeindelebens oder ungewöhnlichem Drogenkonsum hin zu vereinsamten alten Menschen.

Wir werden nicht mehr zu einer stadt-losen Gesellschaft werden können (Wer wollte das auch schon?), müssen also die durch Städte produzierten Probleme lösen, indem wir Lösungen dafür entwickeln – und das ist wiederum die Stärke von Städten.

Will man daraus einen Schluss für gute Stadtpolitik ziehen, so muss er heißen: Abweichungen gehören in Städten zur Normalität – also gilt es, positive Abweichungen zu fördern und zu nutzen und negative Abweichungen zu reduzieren und ihre Konsequenzen zu lindern. Schlechte Stadtpolitik wäre der Versuch, aus Städten Dörfer zu machen, indem Abweichungen insgesamt unterdrückt würden. Gute Städte sollten hingegen als Labore gelten, in denen sich die Lösungen unserer Probleme entwickeln.

Um missliebigen Kommentaren vorzubeugen: Uns ist klar, dass es viele der erwähnten Phänomene auch in „Dörfern” gibt. Die urbane Lebensweise ist in Deutschland und vielen anderen Ländern schon so weit vorgedrungen, dass es kaum noch das typische „Land” gibt. Es geht uns um die Skizzierungen von Extremen. Und wer unseren Folgerungen keinen Glauben schenken mag, sollte je nach bisherigem Wohnort eine Weile nach Hamburg oder nach Altdöbern ziehen. Das Vorhandenseins eines qualitativen Unterschieds wird danach nicht mehr geleugnet werden können.

Coverfoto: Trodel / Skyline – New York City, New York at night / Flickr / CC-BY-SA 2.0

 

Till Runge

Till Runge

Till Runge ist Herausgeber des Urbanist Magazins.

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