Werkstatt als sozialer Begegnungsort

Auf der Neuköllner Seite des Tempelhofer Feldes steht ein kleiner, bunter Wohnwagen mit der Aufschrift “Fahrradwerkstatt”. Wer auf seinen Touren übers Feld gen Osten fährt oder läuft, dem fällt er sofort ins Auge. Heute treffe ich Talu, den Initiator der mobilen Fahrradwerkstatt, die als Außenstelle des Vereins Taschengeldfirma e.V. besteht.
Talu stellt sein Fahrrad ab und wir bauen Tisch und Stühle, Fahrradständer aus Holz und eine Werkbank auf. Die Fahrradwerkstatt ist mehr als nur ein Ort zum Flicken von Platten oder Aufpumpen von Reifen, sie ist ein sozialer Treffpunkt, der Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen eint. Die Sonne scheint an diesem Septembersonntag und so ist viel los auf dem Feld, da kommt auch schon eine Familie vorbei und fragt nach einer Luftpumpe für den Kinderwagen. So wie diese Familie freuen sich auch viele andere über die Werkstatt, wenn sie ihre Runden auf dem Feld drehen und ein plötzlicher Platten sie am Weiterfahren hindert. Dann entdecken sie begeistert die kleine Werkstatt, die mittwochs und freitags bis sonntags geöffnet hat. Hier arbeiten neben dem Studenten Talu, der hauptsächlich für die Öffentlichkeitsarbeit und “Konzeptpflege” sowie das pädagogische Coaching der Jugendlichen zuständig ist, zwei Fachkräfte und vor allem viele Jugendliche. Das Projekt ist Teil der Kinder- und Jugendlichenarbeit der Taschengeldfirma e.V. Jugendliche, meist zwischen 13 und 17 Jahren alt, machen erste Schritte in ihrer praktischen und beruflichen Orientierung. Dabei können sie ihr Taschengeld aufbessern, denn die eingenommenen Spenden für die Fahrradreparaturen werden unter den Jugendlichen verteilt.

Unsere Jugendlichen haben bessere Karten auf dem Arbeitsmarkt. Sie können über sich erzählen, sie haben Fachwissen in einem Bereich, sie werden selbstbewusster und lernen, auf Menschen zuzugehen. – Talu

Doch sie profitieren nicht nur vom Geld, das sie sich hier erarbeiten, sie lernen Fachwörter aus dem Bereich der Fahrradtechnik und fachbezogenes Deutsch, was ihnen bei einer späteren Ausbildung behilflich ist, sie werden selbstbewusster, lernen, auf Menschen zuzugehen und sie werden für ihre Zukunft gestärkt. Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche aus dem Kiez und soll eine Brücke schlagen zwischen Schule und Ausbildung: “Wenn Jugendliche die Schule verlassen, sind sie oft schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Ihnen fehlen die nötigen Soft Skills und das Selbstvertrauen, sich im Bewerbungsgespräch gut zu präsentieren. Unsere Jugendlichen haben bessere Karten auf dem Arbeitsmarkt. Sie können über sich erzählen, sie haben Fachwissen in einem Bereich, der ihnen Spaß macht. Sie profitieren von ihren Erfahrungen, die sie in der Fahrradwerkstatt machen”, berichtet Talu. Die Jugendlichen, die hier mitarbeiten, verfügen oft über Fähigkeiten, die sie bisher nur wenig unter Beweis stellen konnten. Sie bekommen in der Fahrradwerkstatt die Chance, zu zeigen, was sie drauf haben und gehen mit mehr Überzeugung an ihre beruflichen Vorstellungen heran, berichtet Talu.

Angefangen hat das Ganze mit Talus Beobachtungen in der Nachbarschaft des Vereins Taschengeldfirma e.V.: Kinder und Jugendliche in Neukölln besserten sich ihr Taschengeld mit kleinen Fahrradreparaturarbeiten in der Nachbarschaft auf. Beeindruckt stellte Talu fest, dass die Jugendlichen ohne gutes Werkzeug die schrottreifsten Drahtesel wieder fit bekamen und dabei neben dem Spaß an der Sache auch mehr Mobilität erlangten. So kam Talu im Rahmen eines Entrepreneurship-Seminars seines Studiums die Idee, ein Projekt zu entwickeln, in dem Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten weiterentwickeln und gleichzeitig mit kleinen Fahrradreparaturarbeiten ihr Taschengeld aufbessern können. So verband er Studium, die Arbeit im Verein Taschengeldfirma e.V. und seine Beobachtungen auf der Straße und das Projekt wurde im Rahmen der Weltausstellung “The World Is Not Fair” 2012 auf dem Feld erprobt und ab Oktober richtig gestartet.

Fahrradwerkstatt auf dem Tempelhofer Feld
Helfer der Fahrradwerkstatt und der Jugendliche Mario reparieren gemeinsam ein Fahrrad. (Foto: Taschengeldfirma e.V. Alle Rechte vorbehalten.)

Im Winter schließt die Werkstatt ihre Türen, aber sie sucht noch ein Winterlager im Quartier, wo über den Winter auch Reparatur-Workshops für Alt und Jung angeboten werden sollen. Und im nächsten Jahr soll die Werkstatt erweitert werden durch weitere Module, die an das Projekt andocken. Ein Windrad ist bereits in Planung, aber auch andere Ideen und Vorschläge sind immer willkommen. Ob das Projekt weiter genehmigt wird, steht noch nicht ganz fest, aber die Chancen stehen gut, der Parkaufsicht gefällt das Projekt. Außerdem sucht das Team immer nach freien Ausbildungsplätzen und Betrieben, die für die Teilnehmer des Projekts ein Praktikum ermöglichen können. Viele Jugendlichen haben sich über den Sommer sehr viel Fachwissen erarbeitet und waren sehr engagiert bei der Sache, so dass sie jetzt durchaus in einem Fachbetrieb anfangen könnten. Wer etwas hört, wende sich bitte an Talu.
Die Mobile Fahrradwerkstatt
Tempelhofer Feld, Eingang Oderstraße
Mi 14-18h und Fr-So jeweils 14-19h
Webseite

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer

Ulrike Heringer ist Herausgeberin des Urbanist Magazins.

Auch interessant

»Boah, so gut will ich es auch mal haben!« Radeln ohne Alter

Calle Overweg macht Dokumentarfilme. Bei der Recherche zu einem Film über Radfahren ist er auf die Kopenhagener Initiative Cykling uden Alder (»Radeln ohne Alter«) gestoßen und will das Konzept nun nach Berlin bringen.

»Der Deal des Senats war: Wir lassen Autos über die Oberbaumbrücke fahren, dafür bauen wir eine Straßenbahn nach Kreuzberg.«

Chris Lopatta hat die 90er Jahre als verkehrspolitisch aktiver Mensch in Berlin erlebt. Er demonstrierte gegen die Öffnung der Oberbaumbrücke für den Autoverkehr und war Mitgründer der ADFC-Gruppe im Prenzlauer Berg. Die hieß damals »Die RADikalen«.

»Nur Studenten fahren Rad.« Von Vorurteilen und ihrer Widerlegung

Radverkehr wird auch heute häufig noch nicht in seiner vollen Bedeutung ernst genommen. Dabei spielt ein altes Vorurteil eine Rolle. Nämlich die Vorstellung, dass die »arbeitende Bevölkerung« nur mit dem Auto unterwegs sein kann.

Abonniere das Blitzlicht
– unseren Newsletter rund um Stadt und Mobilität

Mit Ihrem Abonnemt erklären Sie sich mit unseren Datenschutzbedingungen einverstanden. Wir verwenden zum Versand des Newsletters den Dienst MailChimp. Indem Sie unten zur Absendung dieses Formulars klicken, bestätigen Sie, dass die von Ihnen angegebenen Informationen an MailChimp zur Verarbeitung in Übereinstimmung mit deren Datenschutzrichtlinien und Bedingungen weitergegeben werden.