In Kreuzberg wurden nicht nur Häuser besetzt, sondern auch Begriffe: Zur Erfindung des „Kiezes“ im geteilten Berlin. Interview mit Hanno Hochmuth

Viele Menschen fasziniert, wie gut sich in Berlin die Stadtgeschichte erkennen und ablesen lässt. Zahlreiche Brachen und Leerstellen im Innenstadtring zeugen nach wie vor von der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg; und die danach folgende, jahrzehntelange Teilung der Stadt hinterlässt bis heute ihre Narben, sichtbar beispielsweise in der Laternenbeleuchtung oder dem Öffentlichen Nahverkehr.

Hanno Hochmuth,
Foto: Fabian Zapatka

Ein ausgewiesener Experte für die Geschichte Berlins ist der Historiker Hanno Hochmuth, der in einer Studie die beiden Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg miteinander verglichen und seine Ergebnisse 2017 in dem Buch „Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin“ veröffentlicht hat. Für das Urbanist Magazin hat sich Georg Fischer mit Hanno Hochmuth zu einem Interview getroffen, das in zwei Teilen veröffentlicht wird.

Im ersten Teil des Interviews geht es vor allem um die Sprache der Stadt: Hanno Hochmuth erklärt, welche Begriffe und Floskeln mit der Geschichte Kreuzbergs und Friedrichshains verknüpft sind und welche Rolle diese in der historischen Entwicklung spielten – oder sogar bis heute spielen.

Das Thema des zweiten Teils ist dann die Teilung der Stadt durch die Mauer – genauer gesagt die Frage, wie ähnlich oder unterschiedlich sich die Kieze in Friedrichshain und Kreuzberg während der Teilung entwickelt haben.

Georg Fischer: Herr Hochmuth, der Titel Ihres Buches lautet „Kiezgeschichte“. In einem Kapitel beschreiben Sie explizit „Die Entdeckung des ‚Kiezes‘“, also wie der für uns heute selbstverständliche Begriff „Kiez“ in den allgemeinen Sprachgebrauch kam und woher er seine Wurzeln hat. Was meinen wir denn heute, wenn wir von „Kiez“ sprechen? Und was verstand man früher darunter?

Hanno Hochmuth: Ja, das ist ein interessanter Punkt. Was mich selbst erstaunt hat, ist, dass der Begriff „Kiez“ – obwohl er so alt wirkt – gar nicht so alt ist, zumindest in der heutigen Bedeutung. Heutzutage steht der „Kiez“ sehr stark für Urbanität durch Heterogenität, Dichte und Gemeinschaft: im Wesentlichen ein sehr positiv konnotierter Begriff, der sehr stark mit der gründerzeitlichen Altbau-Substanz und dem heutigen urbanen Leben in diesen Altbauten assoziiert wird.

Bis etwa in die 1970er Jahre verband man mit dem „Kiez“ eine andere Bedeutung. Er stand jahrhundertelang eher für Vorstädte, meistens für von der slawischen Bevölkerung in den ostelbischen Gebieten bewohnte Vorstädte, oftmals ärmliche Fischersiedlungen, außerhalb der deutschen Rechtsstädte, wo deutsches Recht galt. Diese Vorstädte nannte man „Kietze“, meist mit „tz“ geschrieben. In Köpenick findet man beispielsweise auch heute noch eine Straße namens „Kietz“, die etwas südlich der Altstadt liegt.

Erst Mitte der 1970er Jahre stellen wir einen Bedeutungswandel des Begriffs „Kiez“ fest, nämlich dass er im heutigen Sinne als lebens- und liebenswertes Altbaugebiet verstanden wird. Es ist kein Zufall, dass sich das zu dieser Zeit zuerst in Kreuzberg ausmachen lässt. Dieser Begriff soll nun etwas Positives transportieren. Anders als die anonymen, großen, modernen Neubauten (wie beispielsweise in der Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel) soll der „Kiez“ betonen, dass die Altbausubstanz Gemeinschaftlichkeit oder Nachbarschaftlichkeit möglich macht.

Anders als die anonymen, großen, modernen Neubauten (wie beispielsweise in der Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel) soll der „Kiez“ betonen, dass die Altbausubstanz Gemeinschaftlichkeit oder Nachbarschaftlichkeit möglich macht.

Kiezgeschichte” von Hanno Hochmuth, erschienen 2017 im Wallstein Verlag

Die „gewachsenen Kiezstrukturen“, wie das damals auch heißt, sollen bei aller Unterschiedlichkeit der Menschen ein gutes Zusammenleben möglichen machen. Und zwar in einer Zeit, in der die Vision des Erhalts der Altbausubstanz sich noch nicht durchgesetzt hat. Kurze Zeit vorher war ja noch gesamtgesellschaftlicher Konsens, dass das alles plattgemacht werden soll, dass „Das Moderne Wohnen“ in modernen Gebäuden Einzug halten soll.

In dieser „Kampfzeit“, wie ich das mal nennen will, entwickelt der Kiezbegriff eine ganz eigentümliche Dynamik. Er wird eigentlich zu einem Schild, das vorangetragen wird, um die alte Struktur, die alte Bausubstanz zu erhalten und darin ein Zusammenleben zu ermöglichen. Das war um 1900 herum natürlich nie so unproblematisch wie dargestellt. Aber es wird idealisiert und bekommt seinen Ausdruck dann in diesem Begriff „Kiez“.

Im Gegensatz zu anderen Begriffen wie beispielsweise der „Kreuzberger Mischung“ kann man nicht genau sagen, wer den „Kiez“ aufgebracht hat, man kann nur genau sagen, wann das passiert ist, nämlich Mitte der 1970er Jahre ziemlich zeitgleich zum Aufkommen des Konzepts der behutsamen Stadterneuerung. In diesem Zusammenhang wird der Begriff „Kiez“ dann sehr wichtig.

Gorg Fischer : Können Sie etwas näher erläutern, wie Sie bei der historischen Analyse des Begriffs „Kiez“ vorgegangen sind und was zentrale Erkenntnisse daraus sind?       

Hanno Hochmuth: Mithilfe der Methode der computerbasierten historischen Semantik lässt sich relativ klar nachweisen und dokumentieren, wie solche Begriffe aufkommen. Wenn man komplett erschließbare linguistische Textkorpora zur Verfügung hat, wie beispielsweise von der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, kann man sich im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) ähnlich wie bei Google NGram einen Graphen ausgeben lassen, in denen man die Häufigkeit eines Begriffs im zeitlichen Verlauf erkennen kann. Beim Begriff „Kiez“ sieht man sehr deutlich, dass er über lange Zeit im Grunde genommen gar nicht verwendet wird und dann Mitte der 1970er Jahre der Graph fast exponentiell nach oben schießt.

Abbildung 1: Häufigkeit des Wortes “Kiez” in der Wochenzeitung DIE ZEIT (1946-1990) © Hanno Hochmuth

Für die DDR kann man das fast noch besser nachvollziehen, weil dort die maßgeblichen Zeitungen wie Neues Deutschland und für Berlin die Berliner Zeitung durch das DDR-Presseportal komplett erschlossen und im Volltext durchsuchbar sind.

In der DDR spielt der Begriff „Kiez“ bis zur Mitte der 1980er Jahre im Grunde keine Rolle – bis er plötzlich ab 1985 bei der Vorbereitung der 750-Jahr-Feier verwendet wird, parallel zur Wiederentdeckung der Altstadt in Ost-Berlin. 1987 taucht er sogar in Reden von Erich Honecker auf, und wird der Name einer DDR-Fernsehserie, die „Kiezgeschichten“, also fast wie der Titel meines Buches. Der „Kiez“ wird durch diese Verwendungen hoffähig gemacht und steht für Urbanität durch Heterogenität und Dichte und Gemeinschaft.

Abbildung 2: Häufigkeit des Wortes “Kiez” in der Berliner Zeitung (1945-1990) © Hanno Hochmuth

Am Begriff „Kiez“ lässt sich zudem die gegenseitige Orientierung der Akteure aus Ost und West über die Mauer hinweg illustrieren. Es gibt beispielsweise Kreuzberg-Reportagen aus der DDR-Presse, in denen ein noch nicht ganz entschiedener Kiezbegriff verwendet wird. Hier wird beispielweise sinngemäß geschrieben: Hier ist nicht Kudamm, hier ist Kiez! In diesem Zusammenhang steht „Kiez“ interessanterweise für arbeitslose Jugendliche und Drogenabhängige, aber auch schon für beginnende Gentrifizierungsprozesse. Weder in Ost noch in West wurden die Verdrängungsprozesse als Gentrifizierung bezeichnet, weil dieser aus der Soziologie stammende Begriff noch nicht in der öffentlichen Debatte angekommen war. Die Phänomene wurden anders benannt, spielten aber schon damals eine Rolle.

Meiner Wahrnehmung nach hat der Begriff „Kiez“ inzwischen eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Er steht nicht mehr nur für die Aneignung der Altstadt durch urbane Akteure, sondern heute gehört er sozusagen allen, auch der Eisdiele, die das „Kiez-Eis“ verkauft – vor allem aber auch den Investoren, die besondere „Kiezlagen“ verkaufen wollen und auch eine Aneignung der Stadt betreiben, wenn auch in einer ganz anderen ökonomischen Hinsicht, als es die Akteure in den 1980er Jahren im Sinn hatten.

Meiner Wahrnehmung nach hat der Begriff „Kiez“ inzwischen eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Er steht nicht mehr nur für die Aneignung der Altstadt durch urbane Akteure, sondern heute gehört er sozusagen allen, auch der Eisdiele, die das „Kiez-Eis“ verkauft – vor allem aber auch den Investoren, die besondere „Kiezlagen“ verkaufen wollen

Der Begriff „Kiez“ ist also offen genug für Aneignung und gleichzeitig doch auch geschlossen. Und er ist – und das ist genauso spannend – historisch und nicht-historisch zugleich. Es gab in der ersten Jahrhunderthälfte auch andere Begriffe für städtisches Zusammenleben, in Berlin zum Beispiel „Viertel“ oder das französische „Carré“ oder „um die Ecke“ – seit den 1970ern würde man eher sagen „bei uns im Kiez“. Ein Grund, warum ich das Buch „Kiezgeschichte“ genannt habe, denn es ging mir nicht nur um die Geschichte einzelner Kieze, sondern auch darum zu zeigen, wann und warum der „Kiez“ im heutigen Sinne erfunden wurde und wie wirkmächtig der Begriff letztendlich gewesen ist, weil er einer ganzen neuen Entwicklung Ausdruck gegeben hat und gleichzeitig als Schlagwort selbst Geschichte gemacht hat.

Georg Fischer: Gehen wir noch ein Stück weiter in der Begriffsgeschichte. „In Kreuzberg“, schreiben Sie, „wurden nicht nur Häuser besetzt, sondern auch Begriffe.“ Können Sie am Beispiel der „Kreuzberger Mischung“ erklären, welchen Anteil die Sprache bei der Neuerfindung Kreuzbergs hatte?

Hanno Hochmuth: Im Gegensatz zum „Kiez“ kann man bei der „Kreuzberger Mischung“ ziemlich genau sagen, wann das von wem eingeführt wurde, nämlich 1975 von einem evangelischen Pfarrer namens Klaus Duntze, der diesen Begriff im damaligen „Denkmaljahr“ bei einer Veranstaltung geprägt hat. Es ist auch kein Zufall, dass das evangelischer Pfarrer war, denn die Evangelische Kirche war in den 1970er Jahren ein ganz wichtiger Akteur beim städtebaulichen Umdenken und bei der Bewegung hin zu einer behutsamen Stadterneuerung. „Behutsam“ einerseits in dem Sinne, dass mit dem gründerzeitlichen Erbe behutsam umgegangen wurde, andererseits, dass es ein partizipativer Prozess sein sollte, bei dem die Bewohner selbst in die Stadtentwicklung und –sanierung eingebunden werden sollten.

Die Diskussion war zu diesem Zeitpunkt schon so weit vorangeschritten, dass nicht mehr über den Komplettabriss sämtlicher Häuser in den Kreuzberger Altbauvierteln diskutiert wurde (die sogenannte „Kahlschlagsanierung“), sondern nur noch darüber, die die Hinterhäuser, also die Quergebäude und Seitenflügel abzureißen.

Das Problem in Kreuzberg war ja, dass die Häuserblöcke ganz tief erschlossen gewesen sind und in den zahlreichen Hinterhöfen so gut wie kein Grün vorhanden war. Noch dazu waren diese Hinterhöfe teilweise noch gemäß der alten Bauordnungen von 1853 und 1887 geschaffen und damit einfach entsetzlich klein, und dazu voller Gewerbe.

Insofern war die Stadtentwicklungspolitik der 1970er Jahre darauf hin ausgerichtet, zwar die Vorderhäuser stehen zu lassen, aber wenigstens in den Hinterhöfen ausgedehnte Freiflächen zu schaffen. So konnte im Gegensatz zu den 1950er Jahren die Blockrandbebauung und der prägende Charakter der Straße erhalten werden, während man das enge Beieinander von Wohnen und Gewerbe etwas auflöst und eher zu einer funktionalen Trennung kommt, also Gewerbe an der einen Stelle, Kultur an einer anderen Stelle, und das Wohnen an einer dritten Stelle.

Obwohl man denken könnte, dass damals viele Bewohner für eine solche Idee waren, hat sich ein relativ starker Widerstand entwickelt; und zwar aus dem einfachen Grund, dass die Quergebäude und Seitenflügel sehr bevorzugte Wohnlagen gewesen sind für meist junge Menschen, die nach West-Berlin gekommen waren, um hier billig wohnen und sich in ihren Lebensstilen entfalten zu können. Die wollten sich ausprobieren und dem Leben der westdeutschen Provinz entfliehen! Die große Sorge bei diesen Leuten war, dass mit dem Abriss die Refugien wegfallen könnten, die sie eigentlich gesucht hatten.

Gerade zu Kreuzberg gehörten die Gewerbehöfe und die tief verschachtelten Hinterhäuser dazu, die machten gerade die Kreuzberger Identität aus. Und genau in diesem Zusammenhang ist der Begriff der „Kreuzberger Mischung“ entstanden, der stadthistorisch eigentlich doppelt irreführend ist: Denn zum einen ist diese Art der Gebäudestruktur sehr viel älter als der Bezirk Kreuzberg, der ja erst 1920 mit Groß-Berlin entstanden ist – die Gebäude, um die es geht, sind aber fast alle vor oder um 1900 errichtet worden; und es ist zum anderen irreführend, weil es diese Gebäudestruktur auch in vielen anderen Bezirken in Berlin gab (wie in Friedrichshain).

Insofern verrät die Tatsache, dass diese urbane Struktur als „Kreuzberger Mischung“ geprägt wurde, viel über die Zeit, in der Kreuzberg der entscheidende Austragungsort für alle diese städtebaulichen Debatten war. Die „Kreuzberger Mischung“ wurde zu einer richtigen Pathosformel, spätestens mit der IBA-Alt 1984/87, wo fast 500 Hofprojekte entstanden sind und gefördert wurden, die zeigen sollten, wie mit diesen Gewerbestrukturen in den Hinterhöfen kreativ und produktiv umgegangen werden kann. Also nicht nur Lofts entstehen lassen, sondern auch selbstverwaltete Kulturzentren und ähnliche Projekte.

Die „Kreuzberger Mischung“ wurde zu einer richtigen Pathosformel

Georg Fischer: Mit Kreuzberg verbindet man ja noch mehr: nicht nur die „Kreuzberger Mischung“, sondern auch die allseits bekannte Floskel „Kreuzberger Nächte sind lang“ aus dem gleichnamigen Musikstück, das auch in Funk und Fernsehen sehr populär war. Was kann man an Ihrem Untersuchungsfall über die Rolle der Medien bei Aufwertungsprozessen lernen?

Hanno Hochmuth: Zunächst einmal sind es ganz unterschiedliche Medien, die eine Rolle spielen. In dem Buch geht es ja um die beiden Pole Öffentlichkeit und Privatheit. In Kreuzberg entstehen durch Medien ganz neue Öffentlichkeiten, auch um private Freiräume zu verteidigen. So ein Begriff wie die „Kreuzberger Mischung“ fällt ja nicht nur einmal in einer Diskussionsveranstaltung, sondern wird dann ein wichtiges Schlagwort in vielen Stadtteilmagazinen. Diese Publikationen nehmen für sich in Anspruch, eine eigene Öffentlichkeit zu schaffen, meist fällt das unter den Begriff „Gegenöffentlichkeit“.

Das hat eine allgemein-politische, kapitalismuskritische Stoßrichtung, aber es hat auch oft einen ganz elementaren lebensweltlichen Impuls, nämlich geschaffene Freiräume in der Enklave Kreuzberg zu erhalten. Es geht also bei diesen Gegenöffentlichkeiten darum, private Interessen und Individualität zu verteidigen – gegen Eigentümerinteressen oder andere Verwertungsinteressen.

Und für diese Zwecke werden Medien geschaffen, die es vorher noch nicht gab. Mit dem „Südost Express“ entsteht beispielsweise Mitte der 1970er Jahre in Kreuzberg eine Zeitung, die bis 1990 die wichtigste Hausbesetzer-Postille bleibt. Dort wird zum Beispiel benannt, welche Häuser eigentlich freistehen, welche ungenutzt sind, wo sich der Vermieter um nichts kümmert etc., und gibt auf diese Weise wertvolle Hinweise darauf, was als nächstes besetzt wird. Das heißt, aus der Problematik der Stadtentwicklung heraus ergeben sich neue Öffentlichkeiten und treiben diese wieder voran.

Daneben gibt es natürlich die etablierten Medien, wozu ich unter anderem das öffentlich-rechtliche Fernsehen zähle. Das Lied „Kreuzberger Nächte“ von den Gebrüdern Blattschuss trägt natürlich auch dazu bei, den Ruf dieses Bezirks über die Grenzen hinaus zu transportieren, was wiederum die studentischen, linksalternativen Bewohner damals gar nicht so lustig fanden, weil sie das eher als Kommerzialisierung von Kreuzberg verstanden und ihre hehren politischen Ideale in dem Lied nicht vertreten fanden.

Aber auch die Wahrnehmung von den „Kreuzberger Nächten“ im Osten ist spannend: Natürlich hat die DDR-Bevölkerung das Lied sehr genau wahrgenommen, denn es lief ja in der ZDF-Hitparade. Die Ostdeutschen verstanden es als Freiheitslied für den wilden Westen von West-Berlin.

Und 1987 hat man das Lied im Osten, zwei Jahre vor dem Mauerfall, auch skandiert, als in Berlin die 750-Jahr-Feier begangen wurde. Da gab es im Sommer ganz große Popkonzerte in West-Berlin unweit des Brandenburger Tors, zum Beispiel von Genesis oder The Eurythmics. In Ost-Berlin traf man sich Unter den Linden, um das zu hören – das Konzert wurde ja genau deswegen so nah an der Mauer veranstaltet, was die DDR-Sicherheitskräfte dazu brachte, die Massen auseinanderzutreiben. Dabei riefen die Leute: „Die Mauer muss weg!“ Und: „Kreuzberger Nächte sind lang“. Eine interessante Anspielung einerseits auf die Freiheit im Westen, andererseits auf den 1. Mai 1987, also die ersten großen Mai-Krawalle. Das war quasi eine versteckte Drohung an die Staatsgewalt der DDR, wir könnten hier genauso Bambule machen und Autos anzünden wie im Westen, wenn wir dieses Konzert nicht endlich hören dürfen!

Teil 2 des Interviews lesen.

Hanno Hochmuth

Hanno Hochmuth ist Wissenschaftlicher Referent am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam und bearbeitet dort seit 2011 verschiedene Forschungsprojekte zur Geschichte Berlins. Aktuell bereitet er zusammen mit dem Stadtmuseum Berlin eine Ausstellung zu Ost-Berlin vor, die ab dem 11. Mai 2019 im Ephraim-Palais im Berliner Nikolaiviertel gezeigt werden soll. Hanno Hochmuth hat an der FU Berlin sowie an der University of Minnesota in Minneapolis (USA) Geschichtswissenschaften studiert. Von 2005 und 2011 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin und hat dort den Masterstudiengang „Public History“ koordiniert. Seine Doktorarbeit zum Thema „Öffentlichkeit und Privatheit in Friedrichshain und Kreuzberg“ hat er 2016 an der FU Berlin verteidigt. Die Arbeit ist 2017 im Wallstein-Verlag unter dem Titel „Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin“ als Buch erschienen.

Twitter: @hannohochmuth

Georg Fischer

Georg Fischer

Georg Fischer hat Soziologie an der TU Berlin studiert und dort im Herbst 2018 seine Doktorarbeit zum Themenbereich Urheberrecht und Musikindustrie eingereicht. Seit 2010 betreibt er mit „Jäger und Sampler“ (https://jaegerundsampler.wordpress.com/) ein Blog zu Musikthemen. Die wechselvolle Berliner Stadtgeschichte ist seit einigen Jahren sein Hobby, das er in seiner Freizeit verfolgt.

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